Willkommen auf dem Abschnitt von Trier nach Toul
August 2004
Die Tage vor der Abreise gestalteten sich schwierig; tausend kleine Quälgeister strampelten unter meiner
Schädeldecke und ich bekam Magenschmerzen. Die Ursache dafür war wohl die Ungewissheit darüber, was auf
mich zukommt. Dabei hatte ich mich akribisch vorbereitet - so wie Beethoven, der 60 Bohnen für jede Tasse Kaffee
abzählte. Ich hätte also ohne Bauchgrimmen und Seelenqualen sein können und wollte mich auch nicht durch
Furcht ängstigen, die auf alle Fälle kein guter Hausgenosse für die Seele ist - aber das kenne ich ja von
mir.
Bevor ich meine zweite Etappe in Angriff nahm, verbrachte ich noch zwei Tage in der Abtei St. Matthias. Heinz hatte sich
vorgenommen, am Freitag nach Trier zu reisen. Und am Samstag sollte es dann losgehen.
Samstag, 21. August 2004
Die Uhr der Gewohnheit ließ; mich um fünf Uhr wach werden. So war es mir möglich, ausgeschlafen am Morgengebet
der Mönche teilzunehmen.
Auf meine Bitte hin spendete uns der Weihbischof von Trier am Grab des heiligen Matthias den Pilgersegen.
Welch glückliche Fügung: hier das Grab des heiligen Matthias, zu Beginn meiner Pilgerreise, und dort, in
Santiago de Compostela, das Grab des heiligen Jakobus - beide Jünger Jesu. Als Gebet sprach der Bischof den
Psalm 121 und erbat für
uns den Segen Jesu.
Noch ein kurzer Blick zurück auf St. Matthias und wir begannen meinen zweiten Wegabschnitt.
Konz war, trotz einer Regenpause, schnell erreicht. Der Weg nach Tawern ließ; sich ebenfalls zügig gehen, da
uns fast an jeder Weggabelung eine stilisierte Jakobsmuschel die Wanderrichtung wies.
Am Ende des 2200 Einwohner zählenden Dorfes begann der Aufstieg zur Saargauer Hochfläche. Auf halber Höhe
legten wir in der 1986 entdeckten römischen Tempelanlage
auf dem Metzenberg unsere Mittagspause ein. Um 12.45 Uhr ging es weiter, hart bergauf, bis wir die Hochebene erreichten.
Ab dort folgten wir den Hinweisschildern über die Alte Römerstraße zum kleinen Eifeldörfchen Fisch und weiter
zur Jakobskirche von Litdorf-Rehlingen. Die Statue des heiligen Jakobus d.Ä. mit Pilgerstab, Taufmuschel und
Kalebasse ziert als zentrale Figur den Altar. Bei leichtem Regen gingen wir weiter nach Merzkirchen, wo wir um 17.00
Uhr eintrafen und unser Zimmer in einem Gasthof bezogen. Zum Abendessen servierte die Wirtin Rühreier mit Schinken
und viel Schnaps und Likör.
Sonntag, 22. August 2004
Zum Frühstück gesselte sich eine junge Frau zu uns. Sie war ebenfalls Jakobspilgerin und erkannte uns als
ihresgleichen an den von uns getragenen Jakobsmuscheln. Und die Verzückung ihrer Augen war wie das Aufleuchten des
Himmels durch einen Wolkenspalt. Wir kamen sogleich ins Gespräch. Ihre Gelassenheit darüber, wann sie in Santiago
de Compostela ankommen würde, kam meiner Vorstellung sehr nahe. Nach dem Frühstück verabschiedete sie
sich von uns und meinte noch im Weggehen, dass man sich ja vielleicht mal wieder begegnete.
Nachdem wir unsere Rucksäcke gepackt hatten, machten auch wir uns auf den Weg. Die Nebelwölkchen kräuselten
sich herrlich und markierten den Lauf der Saar und der Mosel. Wir jedoch gingen in strahlendem Sonnenschein. Schön
war es auch, dass die Wegkreuze uns versicherten: Ihr seid auf dem richtigen Weg, hier geht es lang.
Es dauerte nicht lange, und die junge Frau, von heute Morgen aus der Herberge, stand, wie vom Himmelgefallen, mit ihrem
langen Zopf, der wie ein Schal über ihrer Schulter lag, vor uns. Ich freute mich, sie wiederzusehen.
Irgendwie unsicher, ob sie, ein junges Mädchen, nun mit uns gehen sollte - mit uns, zwei Männern im mittleren
Alter, zwei Freunden -, lief sie mal voran, mal hinterher. So näherten wir uns gemeinsam dem kleinen Ort Borg.
Außerhalb von Borg machten wir unsere Mittagspause. Ich verpflegte mich mit Wasser und einem von den
mitgenommenen Powerriegeln. Bis Schengen bzw. Perl unserem "Germania-finis" war es jetzt nicht mehr weit.
Um zirka 14.30 Uhr erreichten wir dann Perl. Die große kühle Apfelsaftschorle in einem Gasthof hatten wir uns
redlich verdient. Später machten wir noch ein Erinnerungsfoto vor der St. Gervasius Kirche, in der über dem
Portal in einer Nische der heilige Jakobus steht. Das Foto von Diana und Heinz ist vor einem Nebeneingang, mit dem hl.
Martin, gemacht.
Dank einem Hinweis des Wirtes fanden wir problemlos und schnell die Brücke nach Luxemburg. Schon bald sahen wir
das Schengener Schloss, ein Kloster, das heute als Begegnungs- und Bildungszentrum dient. Uns sollte es für eine
Nacht Herberge sein. Schwester Franziska begrüßte uns freundlich. Dass wir nun zu dritt waren, war kein
Problem für das Haus. Von daheim aus hatte ich natürlich nur ein Doppelzimmer für Heinz und mich gebucht.
Geduscht und in sauberer, frischer Kleidung schlenderten wir durch den Kräutergarten des Schlosses und gönnten
uns in der Wënzerstuff einen Kaffee. Diana war müde und ging ins Bett; Heinz und ich, waren hungrig und wollten
erst noch was essen. In Perl fanden wir ein nettes Lokal. Nicht allzu spät gingen auch wir schlafen.
Montag, 23. August 2004
Geweckt wurde ich durch das Trommeln des Regens aufs Fenster. Wie in meiner Wohnung in Bonn sind auch hier im Schloss die
Dachgeschossfenster schräg. Beim Frühstück klügelten wir eine Taktik aus, die es uns ermöglichen
würde, doch noch den von uns begehrten Pilgerstempel von Perl, dessen Stadtwappen drei Jakobsmuscheln enthält,
zu bekommen. So einigten wir uns auf folgende Vorgehensweise: Diana würde ohne Rucksack und mit unseren Pässen
zurück nach Perl gehen und mit Heinz trug ich Dianas Rucksack bis zur Brücke auf der Perler-Seite.
Nach wenigen Hundert Metern überschritten wir die Grenze zu Frankreich. In Sierck-les-Bains, besuchten wir die
Pfarrkirche. Auf einer Wandtafel waren vier Wappen abgebildet, die alle je drei Jakobsmuscheln enthielten. Durch
mittelalterliche Gassen ging es recht steil dem Ortsrand zu und dann dem Wald entgegen. Wenig später, als wir aus
dem Wald kamen, bot sich uns ein wunderbarer Blick über Lothringen.
Ein Schandfleck störte allerdings das Bild: die Kühltürme des Atomkraftwerkes Cattenom. Sie wirkten, durch
ihre Rauchspur, wie mit dem Himmel verbunden. Dieses wässrige Band zwischen Himmel und Erde hatten wir schon gestern
vom Saargau aus sehen können.
In der Nähe von Fréching, im Schatten eines Wasserturmes, ließen wir uns zu einer Mittagspause auf
unseren Isomatten nieder. Die Ruhe mag in mir sehr wohl in Schlaf übergegangen sein oder in etwas dem Schlaf sehr
Verwandtes. Anschließend fühlte ich mich stark und ausgeruht. Wir wanderten weiter durch Fréching,
vorbei an Kerling-lès-Sierck, auf der D61 nach Lemestroff und weiter nach Budling. Bald darauf erreichten wir Öber
Mühle. Nun folgten wir der D2 bis zu unserem Etappenziel Kédange-sur-Canner. Kurz bevor wir den Ort erreichten,
setzte heftiger Regen ein. Eilenden Schrittes erreichten wir unser Hotel. Nach dem Essen ging Diana zu Bett. Heinz und
ich tranken noch ein Bier. Um 21.30 Uhr lagen auch wir zwei in unseren Betten.
Dienstag, 24. August 2004
Wie immer frühstückte ich nur wenig: ein Marmeladenbrötchen, eine Tasse Kaffee und einen Joghurt. Mir
reichte das. Kaum hatten wir das Hotel verlassen, fing es an zu regnen. Wir entschieden, uns nicht bange machen zu lassen
und verließen Kédange s/C. Als wir nach einer Weile die D118E erreichten, wurde der Regen doch langsam unangenehm,
und wir beschlossen, uns etwas abseits der Straße unter dem Böschungsbewuchs unterzustellen und vor dem
aufziehenden Gewitter Schutz zu suchen. Ein krachendes Sommergewitter, bei dem der Himmel ein dunkles Grün annahm
und die Welt ein faulig schimmerndes Leuchten bekam, ging über uns nieder. Als sich das Gewitter verzogen hatte,
zogen auch wir weiter. Wegen des immer noch anhaltenden Regens suchten wir aber immer wieder Schutz in Bushaltestellen-Häuschen.
In Budange entfuhr mir die Bemerkung, dass unsere Pilgerreise ein moderner Kreuzweg sei: von Busstation zu Busstation.
Bald erreichten wir Aboncourt. Wenn die Kirche nicht zugesperrt gewesen wäre, hätten wir uns hier gern ein wenig
ausgeruht.
Die Strecke war trotz des starken Regens gut zu gehen. Um 11.30 Uhr erreichten wir St. Hubert. Wir rasteten, wie konnte
es anders sein, wieder in einem Bushäuschen,
aßen zu Mittag, brachen jedoch schnell wieder auf, weil es ziemlich ungemütlich war. Nun trafen wir gemeinsam
die Entscheidung, nicht durch die Schluchten nach Vigy zu gehen, sondern über die D52. In Vigy entschieden Heinz und ich,
dass es uns genug war und wir mit dem Bus, der in 20 Minuten kommen sollte, nach Metz fahren würden. Für Diana
war es eine Ehrensache, nicht den Bus zu nehmen. Sie blieb im Ort und ging zurück zum Naturkundehaus, wo sie eine
gute Herberge bekommen sollte. Sie versprach jedoch, am nächsten Tag um 12.30 Uhr im Bahnhof von Metz zu sein, um Heinz
mit mir zusammen zu verabschieden. Mein Pilgerbruder und ich saßen kaum im Bus, als es erneut kräftig regnete.
- Die arme Diana, ob sie schon wieder nass werden würde, oder ob sie es rechtzeitig zur Herberge geschafft hatte?
Als wir schließlich in Metz ankamen, schien die Sonne. Wir irrten hin und her, bis wir die Touristinformation
direkt neben der Kathedrale entdeckten. Dort bekam ich einen Stadtplan und den Hinweis, wo die nächste Jugendherberge sei.
Wir genossen erst mal eine große Tasse Kaffee im Schatten der Kathedrale. Mittlerweile war es 16.00 Uhr, als ich
mich auf mein Bett in der Jugendherberge fallen lieβ. Eine gute Stunde später schlenderten wir schon wieder
durch die Stadt und kamen am Place St. Jacques vorbei. Was passte besser zu unserer Pilgerreise, als uns hier niederzulassen.
Nach einem opulenten Abendessen ließen wir noch etwa eine Stunde "Metz bei Nacht" auf uns einwirken. Um 22.00 Uhr
lagen wir im Bett.
Mittwoch, 25. August 2004
Ruhetag - aber mit Ausschlafen war nichts: Frühstück gab es nur von 7.00 Uhr bis 8.00 Uhr.
Wir besuchten die Kathedrale Saint-Etienne (Stefansdom) und bewunderten unter anderem die 6500 Quadratmeter Glasfenster,
insbesondere die Chagall-Fenster. Überraschend für mich war, dass Chagall, der normalerweise nur mit Blautönen
spielte, eine ganze Farbpalette von Gelbtönen für das "Paradies" eingesetzt hatte. Daher auch der Titel des Fensters:
"Eve et le serpent" - Eva mit der Schlange. In der Sakristei des Doms bekamen wir noch unseren Pilgerstempel, für die
gestrige Etappe.
Dann hieß es wieder Abschied nehmen. Als wir den Bahnhof betraten, sahen wir Diana schon. Ich umarmte Heinz ganz herzlich,
dankte ihm, dass er mich, wie schon im April, wieder für fünf Tage treulich begleitet hatte. Noch ein winken
und der Zug fuhr ab.
Ein Ruhetag ist auch immer ein Waschtag. Also zurück zur Herberge und Wäsche waschen.
Zum Abendessen setzten wir uns in ein Restaurant, wie kann es anders sein, als am Place St. Jacques. Den Weg zurück in
die Jugendherberge verbanden wir noch mit einem Verdauungsspaziergang um den Block. Aufgewühlt von den Erlebnissen des
Tages, lag ich noch lange wach.
Donnerstag, 26. August 2004
Das frühe Aufstehen war mir recht. Ich fühlte mich gut. Durch die noch verschlafene Fußgängerzone erreichten
wir das Moselufer. Auf gut begehbaren Radwegen entlang des Canal de la Moselle verlieβen wir die Stadt. Die Landschaft
wurde idyllisch. Insbesondere der Kanal, dessen Wasser so ruhig dahin floss, dass man den Eindruck bekam, so könne
er das Meer nie erreichen.
Um 10.30 Uhr passierten wir das Aqueduc romain kurz vor Joury-aux-Arches.
Leider fanden wir in Corny s/M keinen geeigneten Pausenplatz, so überquerten wir die Mosel, um nach Novéant
s/M zu gelangen. In einem unterhalb der Kirche gelegenen Park rollte ich meine Isomatte aus und machte es mir bequem.
Vorrangiges Thema unserer Mittagspause war, wie der Pilgerweg insgesamt anzugehen sei. Dabei stellte sich heraus, dass
sich Dianas Pläne weitestgehend mit meinen deckten. Erste Priorität war, sich keinem Zeitdruck auszusetzen.
Übereinstimmung gab es auch bei der Einstellung, von Mal zu Mal die Abschnitte zu vergrößern, um die
An- und Abreisestrapazen zu minimieren.
Kaum waren wir wieder unterwegs, stolperten wir in das nächste schöne Erlebnis. Ein Deutscher der in französische
Kriegsgefangenschaft geraten war, anschließend in Novéant s/M geblieben war und sich dort verheiratet hatte,
freute sich, wieder einmal auf Deutsch Konversation pflegen zu können. Er wollte wissen, wo wir herkämen und
hinwollten. In mir baute sich ein Gefühl von innerer Zufriedenheit auf; überall, wo man uns erkannte, wurden wir mit
Wohlwollen behandelt.
Da wir gut in der Zeit lagen - der Kirchturm von Pagny s/M war schon zu sehen - entschlossen wir uns, direkt an der
Moselböschung noch eine Pause einzulegen. Unser Gespräch ging nun zum ersten Mal über das vorläufige
Etappenziel Toul hinaus. Zunächst aber galt es, ein näher liegendes Problem zu lösen, nämlich eine
Herberge für die nächste Nacht zu finden.
So machten wir uns auf nach Pagny s/M. Welch schöne Überraschung, endlich einmal eine Kirche geöffnet
zu finden! Wir hatten uns noch nicht gesetzt, da wurden wir schon vom Curè (katholischer Pfarrer) begrüßt.
Diana übernahm die sprachliche Initiative, wofür ich ihr immer dankbar sein werde. Sie fragte nach einer
Unterkunftsmöglichkeit. Dem Monsieur Curè fiel keine ein. Diana ließ nicht locker und fragte nach einer
Notunterkunft. Da wurde der Pfarrer etwas mutiger und antwortete auf Deutsch, dass er uns für 20.00 Uhr zum Essen
einladen möchte. Pünktlich gingen wir wieder in der Kirche. Jacques bot uns auch an, ein Zimmer zu beziehen.
Das Dîner bestand aus Gemüsesuppe, Quiche Lorraine, Käse und zum Schluss Mirabellenkuchen.
Jacques und ich leerten dazu eine Flasche Rotwein. Die Damen begnügten sich mit Wasser. Auf Deutsch, Französisch
und unter Zuhilfenahme von Wörterbüchern und der Gebärdensprache unterhielten wir uns angeregt.
Überwältigt von dem, was mir an diesem Tage so alles widerfahren war, dauerte es eine Weile, bis ich einschlafen
konnte. - Es war immer ein Festtag in meinem Leben, wenn mir Menschen begegnen, deren Handschlag voller unausgesprochener
Sympathie steckte und deren milde Wesensart meinem ungestümen, ungeduldigen Gemüt eine wunderbare Ruhe mitteilt,
die im innersten Kern womöglich göttlichen Ursprungs ist.
Freitag, 27. August 2004
Bereits um 7.00 Uhr saßen wir am Frühstückstisch. Meine Stärkung für den Tag bestand aus einem
Stück Mirabellenkuchen und einer Tasse Kaffee. Dann noch ein letztes Dankeschön an unsere Gastgeber, die wir
wohl immer in guter Erinnerung behalten werden.
Bei strahlendem Sonnenschein - dem Herrn sei Dank - brachen wir auf und erreichten den schnurgeraden Weg entlang des
Canal lateral à Moselle Richtung Vandières. Dort verließen wir den Uferweg und entschieden uns, da
die Hitze uns zu schaffen machte, für den Höhenweg entlang des Waldes.
Kurz hinter Norroy-làs-Pont-à-Mousson, es war bereits 9.40 Uhr, sah ich ein Wegkreuz, das dem heiligen
Urban geweiht ist. Ich genoss die warme Sonne und den traumhaften Blick ins Moseltal. Da Diana vorausging, brauchte ich
nicht auf den Weg zu achten. Außerdem vermittelte mir dieses Geführtwerden ein tiefes Gefühl der Geborgenheit.
Ich konnte darauf vertrauen, dass sie stehen bleiben würde, wenn eine Richtungsänderung anstünde. Am
Ortsrand von Montauville wurden wir von einem Bauern mit Mirabellen beschenkt. Ein paar Meter weiter pausierten wir im
örtlichen Café; - gestärkt setzten wir unseren Weg danach fort. Kaum hatten wir den Höhenweg
Richtung Jezainville erreicht, wurden wir mit einem grandiosen Blick über Pont-á-Mousson für die Mühen
des Aufstiegs belohnt.
Auf gut zwei Kilometer Wegstrecke genossen wir den Ausblick, ehe ab Jezainville der Abstieg ins Moseltal begann.
Gegen 13.30 Uhr erreichten wir Dieulouard. Von der im Jahre 988 erbauten Burg sind nur noch Reste zu erkennen. Da die
Kirche offen war, konnten wir die Madonna aus dem frühen 15. Jahrhundert, die sogenannte "Vierge-en-Terre" -
Jungfrau in Erde, bewundern. Ich weiß nicht, ob mich jemals etwas mehr erschütterte, als in einer Kirche
Bomben zu sehen. An zwei Pfeilern war jeweils eine Bombe aus dem Ersten Weltkrieg befestigt.
In der Gemeindeverwaltung (Mairie) holten wir uns noch einen Pilgerstempel.
Meine ursprüngliche Planung sah hier eine Übernachtung vor. Im Laufe des Tages hatte Diana aber die Idee, wir
könnten doch noch bis Toul durchzugehen, egal, wann wir dort ankämen. Die Worte krochen eklig wie Insekten in
mein Bewusstsein, und ich konnte mich nicht mit diesem Gedanken anfreunden. So marschierten wir erst mal weiter Richtung
Saizerais. Mal rechts, mal links der N411 gehend, erreichten wir um 15.00 Uhr den Ort. An der Friedhofskapelle machten
wir eine längere Pause ... Oh je, das Wasser war zu Ende! Unabhängig davon, wie weit wir kommen würden,
Wasser mussten wir uns vorher unbedingt noch besorgen.
Eine Stunde später, am anderen Ende von Saizerais, fast schon am letzten Haus, spürte ich die Hilfsbereitschaft
eines Mannes, der dort in seinem Hof stand. Ich, Hilfe suchend, er, Hilfe anbietend, gingen aufeinander zu. Gerne
gab er uns Wasser. Mutig stellte meine Begleiterin noch die Frage, ob es hier im Ort eine Übernachtungsmöglichkeit
gebe. Nach einem Telefonat mit der Gemeindeverwaltung bot man uns den Partyraum der Gemeinde an, der gerade für eine
Feier dekoriert wurde. Wir nahmen dankend an. Es war ein Tag, den ich in der Erinnerung wohl noch oft genießen werde.
Irgendwann schlief ich ein.
Samstag, 28. August 2004
Früh um 5.00 Uhr erwachte ich. Der Rest eines Baguettes, ein Schluck Milch und ein Joghurt mussten als Frühstück
reichen. Zähne geputzt, alles in den ursprünglichen Zustand gebracht, und um 6.00 Uhr, als gerade das erste
Grau sich in den bewölkten Himmel stahl und ihn zerklüftete, waren wir unterwegs. Ein gut begehbarer Feldweg,
war unsere Startpiste für den heutigen Tag. Mit dem Ende meiner Wanderkarte war auch das schöne Wetter zu Ende, ein
leichter Regen setzte ein, doch durch Felder und Wälder kamen wir gut vorwärts.
Als wir um 9.00 Uhr Jaillon erreichten, gewährte die Route uns wieder einen schönen Blick auf die Mosel. Wir
machten eine kleine Pause vor - dreimal darf geraten werden - verschlossener Kirchentür. Der weitere Weg nach Toul verlief
an der N411 entlang. Nach geschlagenen zwei Stunden Trotten auf Teer, einem endlos grauen Band, waren wir am Boden zerstört.
Die kleine Pause mit ein paar aufmunternden Psalm-Texten half, den Rest des Weges bis zur Stadt zwar mit gesenktem Haupt,
aber frohem Herzen durchzuhalten. Es begann wieder zu regnen. Als wir endlich den Kirchturm erblickten, gewann unser
Schritt an Leichtigkeit. Wir entschieden, noch heute wieder nach Hause zu fahren.
Schon auf halbem Weg sahen wir die Türme von St.-Etienne. Als wir endlich davor standen, hatte ich das Bedürfnis,
danke zu sagen für all das Schöne und Gute, das uns widerfahren war. Aber wie schon so oft:
Die Kirche war zu. Ich fühlte mich dem Weinen sehr nahe; es war mir, als ob mir ein böser Geist meinen Himmel
verdorben hätte. Eine Traurigkeit ohne Maβ floss über mich hin, wie das Wasser über einem, der darin ertrunken
ist.
154 Kilometer waren wir gepilgert, um an dieser Kathedrale anzukommen, und auf was stießen wir? Auf verschlossene
Türen. Diana nahm meine Niedergeschlagenheit wahr und tröstete mich: "Wir kommen ja wieder, und dann nehmen wir
uns Zeit, alles anzuschauen." Noch ein Abschiedsfoto und wir eilten zum Bahnhof.
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