Willkommen auf dem Abschnitt von Langres nach Taizé
August 2005
Die letzten paar Tage bis zu meinem Aufbrechen zum vierten Abschnitt meines Pilgerweges waren schon etwas Besonderes.
Der Weltjugendtag in Köln wirkte sich bis nach Bonn aus. Einer der Veranstaltungspunkte im Bonner Münster waren
die täglichen Gebetsstunden der Brüder aus Taizé. Wie auch in Taizé saβ oder kniete man auf
dem Boden und betete bzw. sang die kleinen kurzen Gebetstexte. Ich ging jeden Abend zum Gebet ins Münster und
spürte, dass es eine gute Vorbereitung auf meinen Pilgerweg war, denn diesmal hieβ mein Etappenziel Taizé.
Zur gleichen Zeit in Taizé, am 16. August, wurde der Gründer der Communauté de Taizé, Frére Roger Schütz,
ermordet.
Samstag, 20. August 2005
Morgens traf ich Diana in Mainz am Bahnhof. Wir fuhren mit dem Zug nach Langres, wo wir unsere Pilgerreise am nächsten
Tag fortsetzen wollten.
In Langres angekommen, mussten wir feststellen, dass es an diesem Abend, in der Kathedrale, keinen Gottesdienst mehr gab.
Schade, denn was würde besser passen, als zu Beginn eines Pilgerweges an einem Gottesdienst teilzunehmen?
Eine Herberge fanden wir im Hotel La Marmotte, für uns sehr günstig gelegen, denn gleich um die Ecke begann unser
Weg, der GR7.
unser Weg ist der, der gestrichelten Linie
Sonntag, 21. August 2005
Nach einem für französische Verhältnisse reichlichen Frühstück machten wir uns auf den Weg. Der
Morgen war frisch und schön, als wir das Hotel verlieβen, der Wind stark und die Sonne strahlte aus einem
wolkenlosen Himmel. Nach wenigen Hundert Metern querten wir den Voie Verte und entgegen unserer ersten Überlegung
entschlossen wir uns, diesen gut ausgebauten Wanderweg zu gehen. Auf der am Weg angebrachten Schautafel sahen wir, dass
nach zirka zehn Kilometern auf der alten Bahntrasse (Voie Verte) die D428 gekreuzt wird und wir infolgedessen nur drei
Kilometer Landstraβe bis kurz hinter Pierrefontaines zurückzulegen hätten, um dann auf den GR7 zu kommen.
Flott erreichten wir die Kreuzung der D428 mit dem GR7. Ab hier waren ungefähr alle 100 Meter eine rot-weiβe
Markierung (GR7) zu sehen. Drei Kilometer vor unserem Etappenort wurden wir unserem Vorsatz, auf dem markierten Weg zu
bleiben, wieder untreu und kürzten über die Landstraβe ab. Es war kurz nach 17.00 Uhr, als wir die gîte
la Boulangerie in dem 230 Einwohner zählenden Ort Auberive erreichten. Unsere Versuche, eine Bleibe zu finden, schlugen
zunächst fehl, man riet uns aber, auf der anderen Straβenseite bei Familie Thierry nachzufragen. Wir bekamen
bei ihnen nicht nur ein Zimmer, sondern wurden auch noch zum Abendessen eingeladen.
Madame telefonierte sogar noch für uns mit der Ferme-de-Borgirault und fragte, ob wir morgen bei ihnen ein Quartier
bekommen könnten. Prima!
Im Gästebuch der Familie Thierry las ich, sie seien Ersatzquartiergeber bzw. eine Nebenstelle der gîte la
Boulangerie.
Montag, 22. August 2005
Der Einstieg in unseren Wanderweg war nicht einfach. An der verschlossenen Kirche vorbei gingen wir erst einmal unfreiwillig
einen groβen Bogen durch das Dorf. An der Straβengabelung von D150 und D428 erkannten wir die lieb gewonnenen
rot-weiβen GR7 Hinweistäfelchen. Nach einem kurzen Stück Landstraβe erreichten wir einen Waldweg, in
dessen Boden wir versanken wie ein Siegel in Wachs.
Einen so gut ausgeschilderten Wanderweg war ich noch nie gegangen. Jede noch so kleine Wegebiegung wurde zwei Bäume
vorher angezeigt. Zusätzlich hatte man den geradeaus verlaufenden Weg mit einem rot-weiβen X versehen. Die unterschiedlichen
Wegabschnitte lieβen sich gut bewältigen: ein breiter Forstweg, ein schmaler Trampelpfad, ein zwischen Brombeerhecken
fast zugewachsener Hohlweg, der noch dazu ständig auf und ab ging ... Wir kamen zügig voran und waren nach nur
knapp zwei Stunden schon in Vivey. Bis zu der gebuchten Herberge hatten wir nur noch neun Kilometer zu gehen. In Lamargelle-aux-Bois,
es war inzwischen 13.15 Uhr, fiel uns ein mit Blumen liebevoll ausgestattetes ehemaliges Waschhaus auf, an dem wir uns
eine kleine Pause gönnten.
Zwei Stunden später erreichten wir unser Etappenziel La-Ferme-de-Borgirault - ungefähr zwei Kilometer vor
Grancey-le-Château-Neuvelle. Die Ferme wird von einer deutschen Familie geführt. Leider fuhr Familie Lenz an
diesem Abend in die Stadt und konnten uns deshalb kein Abendessen anbieten. Sie gaben uns aber Eier und Schinken, die wir
in der Küche selbst braten könnten. Dankend nahmen wir an und bereiteten gemeinsam unser dîner zu. Zum
Dessert hatten wir unter neun verschiedenen Käsesorten die Auswahl.
Da wir uns vor genau einem Jahr in Merzkirchen begegnet waren, erinnerten wir uns, dass es damals auch nur Eier mit
Speck zum Abendessen gab. Hinterher war alles ruckzuck gespült und wieder so sauber wie zuvor.
Dienstag, 23. August 2005
Ich hatte den Wecker wohl etwas zu früh eingestellt oder das Rucksackpacken ging zügiger von der Hand als sonst,
auf jeden Fall blieb mir vor dem Frühstück noch eine halbe Stunde Zeit, mich eine wenig aufs Bett zu legen.
Nachdem ich für die Übernachtung gezahlt hatte, 15 Euro pro Person, und die Etappenstempel im Pilgerbuch prangten,
gingen wir um 8.30 Uhr los.
Schnell erreichten wir Grancey-le-Château-Neuvelle. Wir blieben am Fuβe der Ortschaft und orientierten uns, wie
es die Tourenbeschreibung vorschlug, an der endlos scheinenden Mauer entlang in Richtung zur Église St. Germain.
Der Weg dorthin war dreifach ausgewiesen: durch ein Hinweisschild zur Kirche, durch das vertraute GR7-Schild und für
uns erstmals in Frankreich, durch eine Jakobsmuschelplakette.
Diesem folgten wir den Berg hinauf und wieder hinunter nach Avot, danach wieder hoch über den Chambremont. In der
Pause am Waldrand hatte ich die insgesamt 500 bisher zurückgelegten Kilometer im Schnelldurchgang Revue passieren lassen.
Nun entschieden wir uns, dass wir die ebene Landstraβe bis nach Poiseul-les-Saulx gehen würden, um dann weiter
nach Saulx-le-Duc zu kommen. Hier wollten wir mit unserer Suche nach einer Unterkunft beginnen. In Saulx-le-Duc angekommen,
setzten wir uns wie schon so oft vor die Kirche. Diana streifte gleich um die Ecken, um nach einer Herberge Ausschau zu
halten. Kurze Zeit später kam sie mit dem Schlüssel vom Salle des Fêtes, wieder an die Kirche.
Madame Anne, von der Diana den Schlüssel bekam, kam kurze Zeit später noch einmal in den Gemeindesaal und lud
uns für 19.30 Uhr zum Essen ein. Bei unserer Gastgeberin lernten wir auch Françoise, die Partnerin von Anne,
kennen. Es wurde im wahrsten Sinne des Wortes aufgetischt: Hirse und dazu Fleisch und Gemüse aus dem Bräter,
dann gab es Salat und als Dessert Früchtekuchen sowie Käse. - Wundervoll! Der Wein fehlte auch nicht.
Ich wischte meinen Teller aus, als würde ich auf dem Boden eine Wahrheit aufgemalt finden.
Noch ein kurzer Plausch und ich schlenderte mit Diana zurück in unser Quartier. Aber nicht ohne ein Lunchpaket für
den nächsten Tag und die Einladung zum Frühstück um 7.15 Uhr zu bekommen.
Ob es der ereignisreiche Tag war oder das späte gute Essen, jedenfalls hatte ich Schwierigkeiten einzuschlafen.
Mittwoch, 24. August 2005
Zum Frühstück nahm ich zwei Schalen Kaffee und ein Stück getoastetes Baguette. Um 7.45 Uhr verabschiedeten
wir uns von unseren Gastgeberinnen und Françoise begleitete uns noch ein Stück bis zur Ortsgrenze. Auf der
D6e erreichten wir schnell Tarsul.
Dies ist sicher kein Ort, den man unbedingt sehen muss, aber Jakobspilger kamen schon viele hier vorbei, jene nämlich,
die die Route des heutigen GR7 bevorzugten. Davon zeugt am Waschplatz des Ortes ein Bildstock, an dem ganz deutlich die
Jakobsmuschel zu erkennen ist.
Auf dem GR7 ging es erst mal bis Vernot. Der Weg war nur mit einem Höhenunterschied von zirka 100 Metern rauf und
runter zu bewältigen. Danach stiegen wir noch ungefähr 200 Höhenmeter, um Saussy zu erreichen. Die Kirche
stand offen, und es schlug gerade 12 Uhr. - Zeit zum Ausruhen! Die Verpflegung dazu kam aus dem Lunchpaket: Sardellen
und ein Stück Brot. Ich musste mir schon Wasser nachfüllen, auch das war Gott sei Dank in der Wundertüte
von Anne und Françoise vorhanden. Ausgestreckt auf meiner Matte, bin ich mal wieder eingeschlafen. Eine Stunde
später ging es weiter.
Auf der anderen Talseite konnten wir unser Tagesziel Etaules schon erkennen (Luftlinie sieben Kilometer, zu Fuβ elf
Kilometer). Aber vor Etaules mussten wir noch St. Foy erreichen. Es ging leicht bergab auf einem märchenhaften Waldweg.
Von St. Foy aus gab es zwei Wege nach Etaules. Die erste Variante: 3,5 Kilometer gemütlich am Fluss entlang zur
Fontaine de Jouvence und dann einen Kilometer steil hoch mit 150 Höhenmetern. Die zweite Variante: noch 1000 Meter
auf der D7 und dann links den Berg drei Kilometer langsam hoch. Wir entschieden uns für Letztere. In Etaules angekommen,
hatten wir kein Auge für die Schönheit des Ortes, da wir schnell eine Unterkunft finden wollten. Also: Rasch
weiter nach Darois, da sollte es einen Campingplatz geben. Nach 20 Minuten erreichten wir ihn auch:
Diana baute ihr Zelt auf, und ich ruhte mich aus. Mein Abendessen bestand aus drei Bier, einem Hacksteak, Pommes und
Tomatensalat.
Donnerstag, 25. August 2005
Um 7.20 Uhr war alles verstaut und wir nahmen unseren Weg wieder auf. Nach 500 Metern erreichten wir die N71 und kurze
Zeit später die D104. Von 475 Metern Höhe ging es zwar den Berg hinunter auf 300 Meter, aber der sehr
schmale, manchmal nur zwei Fuβ breite Pfad hatte immer wieder kurze steile Anstiege. Nach dem ersten Anstieg brauchte
ich eine Pause. Nachdem wir wieder zu Kräften gekommen waren, pilgerten wir auf einem schmalen Weg, dessen Beschaffenheit
sich kaum änderte, Velars-sur-Ouche entgegen.
In Velars-sur-Ouche angekommen lag direkt am Weg eine Bar. Ich gestattete mir zwei Kaffee. Diana telefonierte mit der
Réfuge de la Rente de Chamerey (Wanderherberge), die wir als Unterkunft eingeplant hatten. Zu unserem bedauern
war nur der Anrufbeantworter eingeschaltet. Mit bitterer Miene zogen wir von dannen, kauften noch ein Baguette und gingen
weiter. Durch eine Röhre unter der Autobahn kamen wir zum Fuβe eines Berges, den wir am Morgen schon gesehen hatten.
Die Höhenlinien auf der Landkarte folgten so dicht aufeinander, dass ich nicht erkennen konnte, wie hoch der Höhenunterschied
sein würde. - Vielleicht war das auch gut so ... Nach dem Motto "Augen zu und durch" stiefelten wir den Berg hoch.
Ich schnaufte, wie ein Walross und schwitzte wie ein Brunnenputzer.
Nach zwei Dritteln des Weges gelangten wir an eine Grotte, die der heiligen Anna geweiht ist. Wir verschnauften ein
wenig im Schutze der trockenen Felsengrotte. Das letzte Stück Weg zur Kapelle Notre-Dame d'Étang erkannte
ich nicht nur an den an Bäumen angebrachten Holzkreuzen als Kreuzweg, es war auch für mich ein Leidensweg.
Als wir dann oben ankamen, mischte sich jedoch auch Enttäuschung in meine Erleichterung: Die Kapelle war baufällig,
und ein Bauzaun versperrte den Zutritt.
Von hier aus sollten es nur noch drei Kilometer zur Wanderherberge sein. Falls es dort mit der Unterkunft nicht klappen
würde, stünden uns noch weitere vier Kilometer bis nach Chambœuf bevor.
Wie aus dem nichts tauchten Benjamin, Fabien und Guillaume auf, drei sehr aufgeweckte und fürsorgliche Jugendliche,
die sich unserer annahmen. Sie machten auf dem Absatz kehrt und führten uns zu ihrer Herberge, einem Anwesen, das
schon um 1634 von einem Champ-Mairey gepachtet worden war.
Fabien telefonierte mit seinem Onkel, dem Herbergsvater, und fragte, ob wir auch hier übernachten könnten.
Die Antwort war positiv. Unser Schlafplatz war ein Matratzenlager unter dem Dach, für das wir 6,85 Euro bezahlten.
Zum Abendessen gab es den Rest eines Baguettes und frisch aufgebrühten Pfefferminztee. Die Nacht verlief ruhig, obwohl
wir zu neunt untergebracht waren und jeder zu einer anderen Zeit in seinen Schlafsack krabbelte.
Freitag, 26. August 2005
Diana und ich räumten als Erste unser Nachtlager. Um 8.20 Uhr verlieβen wir die Refuge de la Rente
de Chamerey. Der Weg nach Chambœuf lieβ sich relativ gut gehen - allerdings nicht, ohne ab und zu ein paar
üble Steigungen.
Am Ortsende trennte sich der GR7 von der Straβe nach Curley und führte durch den Wald. Ein Abschnitt war schöner als
der andere. Wenige Minuten vor zwölf lieβen wir uns in Reulle-Vergy zu einer kleinen Pause nieder.
Das nächste Wegstück führte erst einmal steil den Berg hoch. Um 14.30 Uhr durchquerten wir Corbin, ein
malerisches Örtchen, wo sogar die Kirchentür offenstand. Nun fanden wir aber kein Jakobszeichen mehr, sondern
nur noch die blaue Markierung eines Rundwanderweges - blau wohl deshalb, weil der Weg Teil der "Route du Cassis" war.
Entlang des Weges wurden schwarze Johannisbeeren angebaut, die sich im ersten Moment kaum von Weinreben unterscheiden
lieβen. Die Sträucher standen in Reih und Glied und waren fast wie Rebstöcke geschnitten.
Wir folgten dem Zeichen und schon bald sahen wir in der Ferne Meuilley, unseren Zielort. In Villare-Fontaine, dem Dorf
kurz vor unserem Etappenziel, entdeckten wir eine Bed-and-Breakfast-Herberge.
Wir zögerten nur einen kurzen Augenblick - bevor wir uns einquartierten. Weil Andrée, die das chambres
d`hôtes führte, kein Abendessen anbot, schlug sie vor, entweder einzukaufen oder in ein zwei Kilometer entfernt
gelegenes Restaurant zu fahren. Wir entschieden uns für das Restaurant.
Wir bestellten ein 3-Gänge-Menü. Ich nahm vorher einen Apéritif und gönnte mir zum Essen zwei
Glas Wein.
Ich bin davon überzeugt, dass ein Pilger kein Asket sein muss, denn Essen ist eine gute Sache und notwendig zur
Bewältigung des Weges nach Santiago de Compostela.
Den Rückweg absolvierten wir zügig, während das Tageslicht der nächtlichen Dunkelheit wich. Kurz
bevor die Sonne hinter den Hügeln verschwand, passierten wir die Steinbrüche von Comblanchien und erkannten
riesigen Quader, die aus dem Hang gesprengt worden waren. Aus diesem Steinbruch wurden unter anderem die Bausteine der
Pariser Oper, die Stufen für Sacre Cœur und der Sockel der Freiheitsstatue von New York gebrochen.
Samstag, 27. August 2005
Das petit déjeuner im Gewölbekeller unserer Unterkunft erhielten wir wunschgemäβ um 7.30 Uhr. Der
Herbergsvater zeigte uns noch den Weg nach Meuilley, und mit flotten Schritten erreichten wir nach einer halben Stunde
diesen Ort. Im Gegensatz zu den Abschnitten der vergangenen Tage blieb der Weg heute flach, zwar immer in Hanglage, wie
das in Weinbergen so üblich ist, aber wunderbar zu gehen. Es sah so aus, als hätten wir die langen Waldpassagen
hinter uns. Jetzt blickten wir in eine weite, sanft hügelige Ebene, die ausschlieβlich für den Weinanbau
genutzt wird.
Wir sahen eine Domaine nach der anderen, bei denen wohl jedem Wein-, insbesondere den Burgunderliebhabern, das Wasser im
Mund zusammenlaufen würde. Ich konnte nicht widerstehen, ab und zu von den schon reifen süβen Trauben zu
naschen. Wir befanden uns mitten in der Côte d'Or.
Über Chevrey und Marey-les-Fussey erreichten wir Echevronne und den Grand Randonée 76, der ab Arcenaot vom
GR7 den Pilgerweg darstellt. Wir hatten da ein wenig abgekürzt, aber jetzt ging es weiter durch die Weinberge bis
Pernand-Vergelesses. Oberhalb des malerischen Ortes machten wir eine kleine Pause. Die nutzte ich, ohne den schweren
Rucksack die restlichen 200 Meter bis zu einem Marien-Monument zu steigen, das oberhalb von Pernand-Vergelesses liegt.
Von da oben hatte ich einen herrlichen Blick über die Stadt Beaune und über ein Stück des kommenden Weges.
Noch ein Stück auf der Landstraβe, dann verlief unser Weg weiter als Weinbergsweg bis nach Savigny-les-Beaune.
Seit dem Morgen wanderten wir unter blauem Himmel und Sonnenschein. Als wir die Weinbergswege erreichten, hörte ich
aus der Ferne schon die 12-Uhr-Sirene. Ob es mir noch gelingen würde in Velars-sur-Ouche etwas einzukaufen? Ich ging
bestimmt einen 6er Schritt (6 km/h). Es war bereits 12.25 Uhr, als ich im Ort ankam. Am Ende einer Straβe fand ich
einen Lebensmittelladen, der noch offen hatte.
Wir taten uns an den eben gekauften Lebensmitteln gütlich. Es war kurz nach ein Uhr, als wir an einem alten Weingut
vorbei unseren Weg wieder fanden. Die sanften Hügel waren leichten Schrittes zu bewältigen, so gelangten wir
nach Pommard. Für das ständige Auf und Ab wurden wir immer wieder mit herrlichen Ausblicken belohnt. Ein
Radweg-Hinweisschild nach Volnay lockte uns, unseren vertrauten Hügelweg zu verlassen und dem Radweg zu folgen. Ab
Volnay blieb uns aber nichts anderes übrig, als neben der D973 nach Monthelie zu laufen. Flankiert von majestätisch
wirkenden Weingütern, kamen wir schnell voran. In Monthelie gab es laut unserer Pilger-Planungshilfe einen Campingplatz
- da wollten wir hin. Wir liefen dann aber doch fast eine Stunde, bis wir den Campingplatz erreichten.
Campingplatz? Eine Wiese und im Hintergrund ein fast verfallenes Farmé-Gebäude. Kaum hatte Diana das Zelt
aufgestellt, gesellte sich ein holländisches Paar zu uns. Joop bot mir gleich einen Campingstuhl an, damit ich bequemer
in meinem Tagebuch weiterschreiben könne. Joops Frau bot uns an, mit ihr und ihrem Mann zusammen zu essen. Es gab
ein Risotto und Rotwein.
Sonntag, 28. August 2005
Um 6.00 Uhr krabbelten wir aus dem innen und auβen doch sehr feuchten Zelt, und um 7.00 Uhr schulterten wir bereits
wieder unsere Rucksäcke.
Der Himmel war schon von früh an wolkenlos. Hinter dem bewaldeten Hügel ging gerade die Sonne auf, und der
zunehmende Mond beleuchtete unser Nachtlager, als wollte er sagen: "Leute, das wird ein schöner Tag". Den langen
Weg zurück über die Straβe bis zu dem Punkt, wo der GR76 kreuzt, konnten wir jetzt prima umgehen. Wir
kraxelten hinter dem Campingplatz den Hang hoch und waren wieder auf unserem vertrauten Weg.
Noch stand die Sonne sehr tief im Osten, sodass wir sehr lange bizarre Schatten warfen. Als die Sonne die letzten
Nebelschwaden in den Niederungen aufgezehrt hatte, eröffnete sich uns ein herrlicher Blick ins Land.
Um 9.00 Uhr erreichten wir einen zum Zelt- und Wäschetrocknen bestens geeigneten Platz oberhalb von Blagny. Hier
oben an der Chapelle St. Charles war ein ständiges Kommen und Gehen. Wandergruppen und Mountainbiker kamen aus
allen Richtungen. Eine Stunde hielten wir uns auf, ehe wir unseren Höhenweg nach Gamay fortsetzten.
Gamay ist eine Sieben-Häuser-Gemeinde, in der sich wohl alle Bewohner auf die Weinherstellung konzentrieren. Denn
der Gamay Beaujolais oder der Gamay d'Auvernge hat bei allen Weinliebhabern einen Namen, sowohl in Frankreich als auch
darüber hinaus. (In Frankreich steht er an siebter Stelle unter den roten Gewächsen).
Der Weg nach Gamay führte zuerst bergab, dann durch den Ort mit den sieben Häusern und anschlieβend 15
Minuten über die Straβe. Dann erreichten wir St. Aubin. Der Weg verlief teilweise durch einen Buchsbaum-Urwald.
Die Buchsbäume machten hier ihrem Namen alle Ehre, sie erreichen oft eine Höhe von drei Metern. Zurückschauend
glaubten wir, auf dem geschlängelten Weg durch die Hügelkette kaum weitergekommen zu sein und bildeten uns ein,
nun die ideale Wegführung, einen Weinbergsweg, zu erkennen, der uns hätte schneller nach Remigny bringen können.
Da wir noch kein Quartier hatten, änderten wir unsere Wegplanung und steuerten Chagny an. Da erwartete uns eine
Handvoll Möglichkeiten, ein Zimmer zu bekommen. Wir entschieden uns für das zwei Sterne Hotel de la Feré. Die
Freude war groβ, als wir das Zimmer betraten. So komfortabel waren wir auf dieser Etappe noch nicht untergekommen.
Während eines Spazierganges durch die Stadt konnte ich in der nahe gelegenen Bar nicht widerstehen und trank zwei Bier.
Zur guten Nacht aβ ich eine Pizza.
Montag, 29. August 2005
Das Frühstück servierte man uns um 8.00 Uhr im Garten. Die Geschäfte öffneten erst um 9:00 Uhr und
solange mussten wir warten, um uns die Marschverpflegung für den heutigen Tag: Wasser, Brot, Sardinen, Wurst und
etwas Süβes zu kaufen und in der Pharmacy noch ein Päckchen Blasenpflaster.
Auf dem Weg zur Ausfallstraβe nach Rully gingen wir noch in die Kirche St. Martin. Ich nahm mir die Zeit, um für
einen guten Tag zu bitten. Auf einer nicht so stark befahrenen Seitenstraβe erreichen wir Rully. Sehr zu unserer
Freude nannte sich dieser direkt in den Ort führende Weg "chemin des Saint Jacques". Gleich am Ortsanfang fanden wir
das erste einer ganzen Reihe von Jakobsmuschel-Hinweisschildern, die uns zielsicher zur Kirche Saint Michel führten.
In einem Kirchenfenster des Chorraumes entdeckte Diana ein Bildnis des heiligen Jakobus. Erst beim zweiten Hinsehen
erkannten wir, dass es sich hier um den heiligen Rochus handelt. Das Muschelzeichen, an der Kirchenmauer, wies uns die
Richtung aus dem Ort hinaus und zum empfohlenen GR76.
Pünktlich zur Mittagszeit kamen wir an einem mittelalterlichen Turm an, wo wir unsere Mittagspause einlegten. Es gab
Leberwurstbrote und einen Apfel. Der Abstieg von der Höhe musste dann auf einem holprigen Trampelpfad bewältigt
werden, aber so ging es am schnellsten ins Tal. Der Sonnenhöchststand hielt uns nicht davon ab, den Anstieg zum
Château de Montaigu in Angriff zu nehmen. In der dazugehörigen Kapelle empfand ich die plötzliche
Kühle und Ruhe als angenehm.
Wenig später wurde aus dem GR76 wieder der GR7. Dass nun in regelmäβigen Abständen das Muschelzeichen
zu sehen war, beruhigte mich. In St. Martin-sou-Montainu stand ich enttäuscht vor der geschlossenen St. Martins
Kirche. Nach einer Pause am Wegrand, nur wenige Minuten später, legte sich meine Niedergeschlagenheit: Hatten wir
doch an diesem Tag bisher alle Kirchen offen vorgefunden. Wir entschieden, den GR7, auf dem wir seit gut drei Kilometern
wanderten, zu verlassen, um auf dem Voie Verte unseren Weg fortzusetzen.
Es war bereits 17.00 Uhr, als wir in der Kirche von Givry eine kleine Pause einlegten, nun mussten wir uns sputen,
um an unser heutiges Etappenziel zu gelangen. Bis nach St. Désert erhöhten wir die Schrittfrequenz,
um schnellstmöglich bei den Sœurs de la Salette anzukommen. Vor Ort gab es dann zwar kein Empfangskomitee,
aber eine nette Schwester zeigte uns unser Zimmer im Gästehaus.
Dienstag, 30. August 2005
Ein karges Frühstück um 8.00 Uhr lieβ uns schnell von dannen ziehen. Auf dem Weg zur Kirche konnte ich
in der nahe gelegenen Boulangerie nur ein Baguette kaufen. - Wasser vielleicht im nächsten Ort?
15 Minuten später befanden wir uns wieder auf der Wander-Autobahn. Es ging stur geradeaus. Erschwerend kam noch hinzu,
dass sich keine Wolke am Himmel zeigte und nur wenige Schatten spendende Sträucher den Weg säumten. In Buxy machten
wir Halt: Diana blieb am Bahnhof sitzen, und ich lief los, um in diesem romantischen Städtchen Wasser einzukaufen.
Jetzt waren es noch 25 Kilometer bis Taizé, und der Weg bis dahin ist schnell erzählt: Wir kamen an Jully-les-Buxy,
St.-Boil, Etivau, St.-Gengoux-le-National Malay, Cormatin und Chazelle vorbei, ehe ich völlig erschöpft um
17.00 Uhr das Ortsschild von Taizé erblickte. Bis zur Communauté de Taizé war es dann nur noch ein
kleines Stück Weg. Im Empfang der Gemeinschaft wurden wir mit einer Schale Eistee herzlich begrüβt, dann
bekam jeder ein Bett in der Gemeinschaftsunterkunft zugewiesen.
Bis zum Abendessen um 19.00 Uhr blieb mir ausgiebig Zeit, mich mit dem Kloster und den hiesigen Gepflogenheiten vertraut
zu machen. Derzeit, so erfuhr ich, wohnten ca. 1000 Personen in der Klosteranlage, davon 800 Jugendliche.
Von meinem bisherigen Verständnis von "Kloster" musste ich mich hier erst einmal trennen. Es gab weder eine Klostermauer
noch einen Kreuzgang. Die Brüder und Schwestern, die hier leben, gehören auch nicht alle ein und derselben
Religionsgemeinschaft an. Und genau das war die Idee von Frére Roger, dem Gründer der Gemeinschaft. Heute
besteht sie aus 100 Brüdern, die aus 25 Ländern kommen. Sie alle leben von ihrer Arbeit. Kernstück des täglichen
Lebens in Taizé bilden die drei gemeinsamen Gebetszeiten.
Es war wirklich bewegend, mit Hunderten von Jugendlichen in einer Kirche zu sein, die in ein, verstärkt durch die
weit gespannten, riesigen, orangefarbenen Tücher, mystisches Licht getaucht, ist. Gleich das erste Lied -
Laudate Dominum - war mir vertraut, weil ich es von den Taizé-Gebeten in Bonn kannte. Noch zu erschöpft
von den Strapazen des Tages schaffte ich es aber nicht, mich gut in die Gebete und Gesänge einzufinden. Ein
Glücksgefühl durchströmte mich, als "Behüte mich, Gott..." gesungen wurde.
Drauβen, unter dem sternenübersäten Firmament, wurde der Begriff "Sternenweg" für mich neu lebendig.
Doch die Müdigkeit lieβ mir keine Zeit, das alles zu genieβen, ich ging ins Bett. Mit mir im Bett lagen
alle meine Habseligkeiten, da sich in dem Stuben-Gepäck-Regal kein Platz mehr fand.
Mittwoch, 31. August 2005
Eigentlich wollten wir bis nach Cluny gehen aber für mich entschied ich, dass hier in Taizé meine Pilgerreise
zu Ende sein sollte. Ich nahm am Morgen an einem Bibelkreis teil. Es wurde aus Elia gelesen und später der Text
analysiert, zwar in Englisch, aber mit deutscher Übersetzung. Im Anschluss daran diskutierte ich diese AT-Stelle mit
Franz aus Freiburg noch sehr intensiv.
Nach dem Mittagessen wanderte Diana ohne Rucksack in das nahegelegene Cluny, um sich die mittelalterlichen Mauern
anzusehen. Ich machte einen Rundgang durch die Anlage, um einige Erinnerungsfotos zu machen. Nach dem ersten Foto am
Grab von Frére Roger jedoch war die Speicherkarte des Fotoapparates voll. Ich fand das aber nicht weiter
schlimm, denn ich würde ja wiederkommen. Nun hatte ich Zeit, mich in den Schatten eines Baumes zu setzen und meinen
Reisebericht zu vervollständigen.
Beim Abendessen saβen wir wieder alle zusammen: Diana, Marita und Franz aus Freiburg und ich. Sie teilten uns mit,
dass sie Morgen im Anschluss ans Frühstück nach Hause fahren wollten, und machten uns das Angebot, mit ihnen zu fahren.
Wir nahmen das Angebot dankend an.
Als ich mich ins Bett legte, konnte ich nicht einschlafen, aber auch geordnetes Nachdenken funktionierte nicht. Meine
Fantasie ergriff Besitz von mir und verlieh den wechselnden Bildern, die vor mir aufstiegen, eine Lebendigkeit, die
über gewöhnliche Tagträumerei weit hinausging. Ich sah - zwar mit geschlossenen Augen, aber klar vor
meinem geistigen Blick - wie mir ein Leben in dieser Gemeinschaft gefallen könnte.
Donnerstag, 01. September 2005
Nach dem Morgengebet und dem Frühstück packte ich rasch meine Sachen und verstaute sie im Auto, von Franz
und Marita. Die fantastischen Stunden, die ich hier hatte verbringen dürfen, sah ich als krönenden Abschluss
einer wunderbaren Pilgerzeit. Taizé hatte mich in seinen Bann gezogen. Es fühlte sich an, als ob fast jede
Zelle meines Körpers ausgetauscht worden sei, und die neuen sind mit Frieden gesättigt.
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