Willkommen auf dem Abschnitt von Taizé nach Le Puy
Mai 2006
Schön war, dass ich kurz nach meiner Rückkehr aus Taizé hier in Bonn eine Gemeinde fand, die sich
regelmäβig zum Taizégebet trifft.
Anfang Februar erfuhr ich von Diana, dass sie schwanger ist und ich nun dieses Jahr alleine meinen Weg nach Santiago de
Compostela weitergehen müsse.
Anfang Mai, mit Beginn der konkreten Vorbereitung, begann auch meine Ruhelosigkeit. Wechselweise überkamen mich Ängste,
Entschlossenheit und Hoffnung.
Nach einer Woche gewannen Ruhe und Gelassenheit die Oberhand - wenn auch nicht lange. Die Gewissheit, dass mein Weg ungewiss
ist, rief die Ängste schon bald wieder auf den Plan, und ich malte mir grundlos Gefahren aus.
In der letzten Woche wendete sich das Blatt wieder und das machte mich stark, sodass ich mit Begeisterung, die zu
meinem Kompass wurde, meine diesjährige Etappe von Taizé nach Le Puy in Angriff nahm. Ich war voller Unruhe
und Verlangen. Der magnetische Pol zog an meinem Blut, meine Pilgerreise nach Santiago de Compostela wieder zu beginnen.
Ich fühlte mich überflutet - weil so viel vom Pilgerweg in mir ist, so viel von mir in ihm. Ich freute mich
auf diese wenigen Wochen des Jahres, so wie kurz zum Leben erwachende blühende Säulenkakteen. Ich war darüber
entzückt, denn mein Geist war voll von den zu erwartenden Freuden und den wunderbaren Erlebnissen, die ich in den
letzten Tagen und Wochen gelesen und gesehen hatte.
Samstag, 27. Mai 2006
Schon zeitig fuhr ich nach Leverkusen, von dort gab es einem Sonderbus nach Taizé. Wie vom Busfahrer vorhergesagt,
waren wir um 19.00 Uhr in Taizé. Nachdem ich mich eingerichtet hatte, war es auch schon Zeit für das
Abendgebet. Fast ein ganzes Jahr hatte ich mich auf diesen Augenblick gefreut. Nun war es so weit, und ich knüpfte
an das Vergangene an: an die Anziehungskraft von Taizé, die durch eine Atmosphäre von Offenheit geprägt
ist, durch die Begegnung mit Menschen und die Form des regelmäβigen Gebetes mit Stille, wenigen Worten und
schönen Gesängen.
Als ich mir nach dem Gottesdienst noch die Beine vertrat, traf ich drei junge Leute aus Bonn, die dienstags das
Taizégebet in Bonn mitgestalten.
Sonntag, 28. Mai 2006
Der Tag war von kommenden und abreisenden Gästen geprägt. Das letzte freie Bett, in meiner Stube belegte Michael
aus Rumänien. Stolz erzählte er mir, dass er drei Monate gebraucht habe, um von Le Puy aus nach Santiago de
Compostela zu gehen. Er zeigte mir eine Fotokopie seiner Urkunde, in lateinischer Sprache geschrieben, die bestätigt,
dass er im November 2005 aus religiösen Gründen nach Santiago de Compostela gepilgert ist.
Mit Begeisterung berichtete er von Erlebnissen auf seiner Pilgerreise: von wundervollen Kirchen und beglückenden
Begegnungen mit Menschen, die ein Stück des Weges mit ihm gegangen waren.
Ich spürte eine freudige Erregung, mich selbst für etwas Vielversprechendes entschlossen zu haben.
Beim gemeinsamen Abendessen erwähnte er, dass er im Zug nach Taizé zwei Frauen aus Deutschland begegnet sei,
die ab Cluny den Jakobsweg gehen wollten.
Montag, 29. Mai 2006
Als ich mich um 7.00 Uhr aus meinem Schlafsack pellte, um nach drauβen zu gehen, sah ich, dass es in Strömen
regnete. Noch vor dem Gottesdienst um 8.15 Uhr lies der Regen jedoch nach.
Zwei Stunden später nahm ich meinen Pilgerweg auf. Deutlich zeichneten sich gegen das grau in grau des Himmels die
festen Linien des Kreuzes ab. In einen massiven Betonklotz eingelassen, scheint es jedem Wetter trotzen zu wollen.
Dieses Kreuz, aus schwerem Gusseisen und doch sehr filigran wirkend, markiert Anfang und Ende zugleich, steht
es doch am Ein- und Ausgang des Communauté-Bereiches. Für mich war es heute der Ausgang.
Schon zu Hause hatte ich mich entschieden, den markierten Jakobsweg zu nehmen und nicht den Voie Verte. Nach kurzer
Zeit hatte ich Flagy erreicht und fand den Einstieg in den Jakobsweg, hier der GR76. Nun ging es schnurgerade bergauf.
Kurz hinter dem Scheitelpunkt war der Weg an einem aufkeimenden Maisfeld auch schon zu Ende. - Was nun? Ich hielt mich
links, denn von dort hörte ich Züge fahren, die mir bei der Orientierung halfen. Nun musste ich die mühsam
erklommene Höhe wieder verlassen. Es begann wieder zu regnen, sodass ich meinen Poncho überziehen musste. Dabei
spürte ich erstmals die Mühen des Alleingehens, denn den Poncho ohne helfende Hand anzuziehen, war nicht so
einfach!
In der Kapelle von Collonge, fand ich Schutz vor dem Regen, und neue Kraft für den weiteren Weg. Auf gut gangbaren
Wirtschaftswegen bewältigte ich, mit dem Schlusslied des heutigen Gottesdienstes auf den Lippen: "Behüte mich
Gott, ich vertraue dir, du zeigst mir den Weg zum Leben. Bei dir ist Freude, Freude in Fülle", in kurzer Zeit die
Strecke vorbei an Lourdon nach Cluny.
Es war 14.00 Uhr, als ich im Herzen von Cluny, gleich neben der alten Abtei in der Rue de la République bei Jean
Claude und Michelle ein Zimmer mit Frühstück für 49 Euro bekam.
Ich wusch mich, reinigte meine verschwitzten Kleider und besichtigte dann die Reste der weltweit bekannten Abtei. Ich
war darauf vorbereitet, nur noch die steinernen Bruchstücke eines Zentrums der geistlichen Reformbewegung aus dem
romanischen Mittelalter vorzufinden.
Cluny hatte und hat sicherlich auch heute noch groβe Bedeutung für die Jakobspilger auf ihrem Weg nach Compostela.
Schon im 12. Jahrhundert gab es eine enge Verbindung der beiden Zentren. In der Amtszeit des Cluniazenserpapstes
Urban II wurde der Visitator von Cluny zum Bischof von Compostela erhoben. So entstanden auf dem (Jakobs)Weg zwischen
Cluny und Compostela einige Niederlassungen (Stützpunkte) von Cluny, in Angély, Saintes, Vézelay,
Moissac und - auf spanischem Boden - Nájera, Burgos, Frómista, Sahagún und Astorga.
Es war schon spät, als ich müde, aber glücklich, den ersten Tag geschafft zu haben, im Bett lag und alsbald
einschlief.
Dienstag, 30. Mai 2006
Kurz vor 10.00 Uhr verlieβ ich Cluny durch die Porte Saint Odile. Durch dieses Tor haben schon Tausende von
Jakobspilgern die Stadt verlassen. Sie alle strebten Santiago de Compostela entgegen. Ich wollte heute erst mal nur
Cenves erreichen.
Für die ersten acht Kilometer bis Ste. Cécile brauchte ich genau eineinhalb Stunden. Zu meiner Überraschung
war auch diese Kirche geöffnet, so wie die vor einer Stunde in Touzaine. Das Wetter zeigte sich von seiner besten
Seite, ideal zum Wandern. Nur die Wege waren stark verschlammt. Schon nach wenigen Kilometern zierten Dreckspuren meine
Hosenbeine bis zu den Knien hoch. Die restlichen zehn Kilometer bis Tramayes verliefen überwiegend bergauf. Von 262
Höhenmetern auf bis zu 587 und wieder runter auf 452.
Um 13.30 Uhr war ich in Tramayes. Hier stand die Kirchentür sperrangelweit offen, als wollte sie sagen: Michael,
komm rein und mach Pause! Das tat ich dann auch. Doch die kühle Temperatur des Gotteshauses trieb mich schnell
wieder hinaus. Im Ortskern setzte ich mich noch eine halbe Stunde in die wärmende Sonne, ehe ich die restlichen
fünfeinhalb Kilometer bis zu meinem ersten Etappenort Cenves unter die Füβe nahm. Wie es schon von vielen
Pilgern vor mir beschrieben wurde, ging es nun zum Col du Carcan (711 Meter über dem Meeresspiegel). Von hier oben
marschierte ich schnell den sanft abfallenden Weg bis nach Cenves hinunter.
Im Hotel Dargaud bekam ich ein Zimmer mit Frühstück und Abendessen. Aber bevor ich mein Zimmer in Augenschein
nahm, trank ich erst mal zwei Bier.
Das Abendessen war einfach gut. Als Aperitif nahm ich einen Kir. Der köstliche Salat war mit Meerrettich-Dressing
angemacht. Das Filet mignon mit Kartoffelgratin verdient das Urteil superbe, die abschlieβende Käseplatte
délicieux. Den ersten halben Liter Beaujolais leerte ich schon, bevor die Hauptspeise kredenzt wurde. So bestellte
ich mir noch einen halben Liter, der ein zweites Feuer in meinem Leib entzündete. Und das konnte ich gebrauchen, denn
die Tage waren noch recht kalt. Zum Abschluss des Menüs servierte man mir ein Eis (Zitrone/Schwarze Johannisbeere).
Ein Cognac durfte dann auch nicht fehlen.
Es war ein unterhaltsamer Abend, denn die Wirtin verstand es geschickt; mich mit den drei Gästen am Tisch
gegenüber ins Gespräch zu bringen.
Es war ein wundervoller Tag. Wie schnell doch die Tagesstrapazen des Wanderns vergessen sind, wenn man so einen Abend
erleben darf! Mit meinen lahmenden Französischkenntnissen kam ich gut zurecht. bonne nuit!
Über Nacht diente mein Pilgerstab mal wieder als Kleiderstange und Wäscheleine. Der Wein bescherte mir
eine Müdigkeit, die ich zum Einschlafen nutzen konnte, aber nach drei, vier Stunden war ich wieder munter und
verbrachte die Mitte der Nacht wachend, bis mich gegen Morgen abermals ein bleierner Schlaf umfing.
Mittwoch, 31. Mai 2006
Mein Frühstück bestand aus einer Schale Kaffee und einem Croissant. 20 Minuten später stand ich
gestiefelt und gespornt auf der Straβe, bereit, bei traumhaftem, aber etwas kühlem Wetter meine dritte Tages-Etappe
in Angriff zu nehmen. Der Weg zeigte sich in allen erdenklichen Facetten, von eben bis steil, von Waldboden über Geröll
bis hin zur Asphalt. Meine erste Station sollte nach zirka sechs Kilometern St.-Jacques-des-Arrêts sein. Leider
verpasste ich den wohl für jeden Pilger so bedeutungsvollen Ort - warum auch immer.
Ich merkte das erst, als ich die romanisch-byzantinische Kirche aus dem 12. Jahrhundert betrat und das Fresco von Jean Fusaro,
auf dem er die legendären Geschehnisse um den heiligen Jakobus dargestellt hat, nicht fand.
Gegen 11.30 Uhr erreichte ich den Col de Crie auf 622 Meter Höhe. Das Wetter hatte sich dahingehend verändert,
dass es immer wieder kräftig regnete, und zwar so dicht an der Grenze zum Schnee, dass das Wasser am Poncho
hängen blieb. Mir war nach einer Schutzhütte zumute, in der ich mir einen Tee hätte kochen können. Solche
Hütten sind aber in dieser Gegend sehr selten. So machte ich, wie ein flügellahmer Vogel, am Wegrand um die Mittagszeit,
eine 20-minütige Pause, die mir sehr gut bekam, und ich konnte den ständig bergauf verlaufenden Weg
danach mit weniger Anstrengung bewältigen.
Zirka eine Stunde später, der Weg verlief immer noch nach aufwärts, kam ich an einer von mir sehnsüchtig
herbeigewünschten Schutzhütte vorbei. Ich kochte mir einen Pfefferminztee, aβ das Baguette von gestern und die
letzte Orange aus Taizé.
Einen Abstecher zum Mont St.-Rigaud ersparte ich mir. Hätte ich den Abstecher zum Gipfel auf mich genommen, wäre ich
an der "Quelle der Pilger" gewesen. So wichtig war mir die Quelle jedoch nicht; aus ihr zu trinken, soll bei
unerfülltem Kinderwunsch Wunder wirken.
Meine Wallfahrt ging jetzt sehr zügig weiter, hatte ich mich doch entschlossen, nur noch bis Propières zu
gehen. Dort angekommen nahm ich mir ein Zimmer im Chez Roche. Das Abendessen war in Ordnung. Salat, gebratene Lyoner
Wurst mit Kartoffeln, na ja. Die Käseplatte war exzellent, dafür das Dessert creme caramel zu kalt.
Der abschlieβende Cognac wärmte mich wieder. Noch schnell für 8.00 Uhr das Frühstück bestellt
und ab ins Bett.
Donnerstag, 01. Juni 2006
Mein nächtliches Fastenbrechen bestand, wie gestern schon, aus einer Schale Kaffee und einem Croissant. Zusätzlich
nahm ich mir ein Stück Baguette als Wegzehrung mit. Bei blauem Himmel, der mit weiβgrauen Wolken betupft
war, machte ich mich wieder auf den Weg. Die Luft war noch unangenehm kalt. Da der Verlauf des Weges von 656 Metern auf
589 Meter fiel, erreichte ich Azole recht schnell. Ebenso schnell übersah ich ein Wegzeichen. Doch meine Aufmerksamkeit
war anderwärtig gebündelt, denn ein gefährlich aussehender Hund bellte und zerrte so kräftig an seiner
Leine, dass ich nur dachte: Hoffentlich hält der Strick. So landete ich auf einem immer morastiger werdenden Weg
(vom Kuhweg zur Weide). Also wieder zurück und an dem Untier vorbei. Was die Ferne mir an Einzelnem zu hören
verwehrte, fügte meine Fantasie aus der Erinnerung, von vor ein paar Minuten, hinzu. Ich betete darum, dass mein
Leben nicht an dieser Hundeleine hinge. Mutig ging ich erneut an ihm vorbei und versprach mir selbst, in Zukunft besser
auf die Muschelzeichen zu achten.
Nach Les Ècharmeaux hinauf, verlief der Weg wieder sehr abwechslungsreich. Auf dem Gipfel, in 712 Meter Höhe,
legte ich eine Pause ein. Die Aussichten ins Land waren schon den ganzen Morgen über wunderschön gewesen, doch
von hier oben erst recht. Die Pause brach ich nach 15 Minuten ab, es wurde mir zu kalt. Leicht angefroren nahm ich die
nächste Höhe von 755 Metern. Akribisch achtete ich auf die Aufkleber für die Jakobspilger; oft gruppierte
sich eine Reihe von anderen Wanderroutenzeichen um sie herum. So war es sicher auch gestern gewesen, als ich an St. Jacques
vorbeilief.
Da schon die Bewölkung viel Sonnenlicht abhielt, war es in diesem Douglasienwald so finster wie im Inneren einer Truhe -
dafür aber nicht so kalt wie während der Abschnitte mit freier Sicht. Ein ständiges Auf und Ab kennzeichnete
den Weg zum Mont Pinay (883 Meter). Ich startete einen neuen Versuch, Rast zu machen. Danach ging es nur noch bergab bis
nach Le Cergne, das ich um genau 15.00 Uhr erreichte. Das Bel'Vue, ein Hotel der gehobenen Mittelklasse, war jetzt genau
das Richtige für mich. Heute hatte ich keine Lust auf Bier. Ich goss mir meinen Tee mit heiβem Wasser aus dem
Bad auf. Um 19.00 Uhr war ich schon im Speisesaal und konnte kaum das Abendessen abwarten, musste mich aber noch ein wenig
gedulden.
Den Rest des Abends widmete ich mich der Erinnerung an die Aussicht oben auf dem Les Ècharmeaux; ich hatte sie
noch nicht so ganz nach meiner Vorstellung genieβen können. In meiner Fantasie versetzte ich mich wieder dort
oben hin und überschaute rund herum das schöne, blühende, magische Land.
Freitag, 02. Juni 2006
Der Schlaf lockerte mich auf und machte meine Seele seltsam empfänglich für Bilder aus der Vergangenheit.
Aber ich blickte allem, was geschehen war, ohne Schmerz oder mit Freude nach, so, als hätte ich mich davon gelöst.
Noch vor acht Uhr verlieβ ich das Haus. Zur Eingewöhnung ging es den ersten Kilometer steil bergab. Nach nicht
einmal einer halben Stunde erreichte ich schon den Kalvarienberg in 567 Meter Höhe. War ich heilfroh, den Gipfel von
der moderaten Seite her erreicht zu haben! Nun ging es mörderisch steil bergab. Hätte ich von dieser Seite her
hochsteigen müssen, wäre das ein Kreuzweg gewesen, der mir alles abverlangt hätte: auf gut einem Kilometer 140
Höhenmeter Differenz!
Eine weitere halbe Stunde später, so ungefähr einen Kilometer vor Mars, beim Überschreiten der Chandonnet,
kam eine Frau aus ihrem Laden gestürmt und rief hinter mir her. Ich solle den Talweg weitergehen und nicht über
den Berg.
Als die Glocken von Saint-Philibert Mittag läuteten, erreichte ich den Ortsrand von Charlieu. Ich konnte gerade
noch in der Touristeninformation einen Stadtplan und einen Pilgerstempel erwerben, bevor das Büro schloss. Auch das
Kloster war erst wieder um 14.00 Uhr zu besichtigen.
Pünktlich stand ich an der alten Abtei, löste eine Eintrittskarte und begann mit der Suche nach den mir schon
aus vielen Veröffentlichungen, Bildern und Vorträgen bekannten Motiven: Tympanon, Kreuzgang, Schlafsaal und
verschiedenen Details. Nach einer halben Stunde hatte ich alles gesehen und begab mich auf die letzten neun Kilometer
bis Briennon.
In meinen Unterlagen konnte ich in Briennon keine Unterkunft ausmachen. So entschied ich mich, einen Ort vorher in
Pouilly-sous-Charlieu, ein Quartier zu suchen. Schon am Ortsrand wurde ich auf das auch in meinem Reiseführer vermerkte
chambres d'hôtel Clévacances La Castelière hingewiesen, ein altes, liebevoll hergerichtetes Haus.
Die Herbergseltern dort reservierten mir in dem etwa 1200 Meter entfernten Restaurant De la Loire zum Abendessen einen
Tisch für mich. Preiswert war der Laden nicht! Ein Menü für 21 Euro war das günstigste Angebot. Ich
stellte mir folgende Mahlzeit zusammen: Melonensuppe mit Serranoschinken, vier verschiedene gedünstete Fischfilets
auf Kartoffelgratin in Alufolie gegart und Käse zum Abschluss. Dazu gönnte ich mir noch eine halbe Flasche
Beoujolais Brauilly, einen Cognac, und was die zwei Euro für supplément fromage sec bedeuten, weiβ ich
nicht. Vielleicht habe ich zu viel von dem mit bestimmt 30 Käsesorten bestückten Tablett genommen.
Jeden Abend habe ich nun so gut gegessen, dass mir die deutsche Volksweisheit "Frühstücke wie ein Kaiser,
iss zu Mittag wie ein Bürger und zu Abend wie ein Bettelmann!" falsch herum aufgelistet erschien. In Frankreich
frühstückt man wie ein Bettelmann und abends geht es nicht unter einem Drei-Gänge-Menü.
Rückblickend glaube ich, dass die Pilger vergangener Zeiten auch all das angenommen haben, was ihnen angeboten wurde.
Damals handelte es sich vielleicht nur um eine Suppe und ein Glas Most; heute um ein Menü inklusive Wein.
Samstag, 03. Juni 2006
Heute wurde es etwas später, bis ich auf den Weg kam. Ich konnte zum ersten Mal den Regenanorak im Rucksack verstauen,
trug aber noch das Langarmhemd am Leib. Dann kaufte ich mir noch in einer Wasser- und Obsttankstelle Vorrat für den Tag.
Bei herrlichem Wetter überschritt ich die Loire. Die kleinen Wolken am Horizont ignorierte ich: So weit, wie die
weg waren, würde ich heute nicht kommen - es sei denn, sie kämen mir entgegen. Auf der anderen Loireseite
besuchte ich die romanische Kirche von Briennon. Das war für mich genau das Richtige, hier an diesem Ort für
einen guten Tag zu bitten.
Ein kurzes Stück ging es an der Loire entlang und dann im Zickzack-Kurs nach La Bénisson-Dieu. Leider waren
Bauarbeiten im Gange und verschiedene Teile der Kirche so eingerüstet, dass ich das bunt glasierte Kirchendach nicht
vollständig sehen konnte. Es tat gut, sich eine Zeitlang an diesem friedvollen Ort aufzuhalten - sowohl dem Körper
als auch dem Geist.
Weiter ging es im Rechts-links-Kurs über Weidewege nach Saint-Romain-La-Motte. Einige wunderschöne Wegkreuze
signalisierten mir zuverlässig, dass ich auf dem rechten Weg war. Um eines der Kreuze rankten sich so herzerfreuliche
Rosen, wie ich es noch nie gesehen hatte. Sie wuchsen um das Kreuz herum und erfüllten die Luft mit ihrem Wohlgeruch,
der nichts Irdisches an sich hatte, so frisch, so rein, dass man sich fragen konnte, ob sie nicht den Asphodelosblüten im
Garten Gottes glichen.
Als ich an Noailly vorbeikam, sagte mir meine innere Uhr: Es ist Mittag. Kurz hinter Gameau, an einem steinernen
Kreuz, setzte ich mich auf meinen Rucksack und aβ ein Stück Brot. Dabei beobachtete ich, dass die Wolken seit
dem Morgen gröβer geworden waren und sich schon über mir zusammenzogen. Ansonsten gab es aber keine
Anzeichen, dass sie sich ausschütten wollten.
In Saint-Romain-La-Motte angekommen, stand ich enttäuscht vor der verschlossenen Kirche. In der nahe gelegenen Bar
trank ich zwei Kaffee und einen Orangensaft. Als ich so gerade ans Weitergehen dachte, fiel mein Blick auf zwei Frauen
mit Rucksack, die die Auβenanlage der Bar betraten. Ob das die zwei Frauen waren, von der mir Michael in Taizé
erzählt hatte? Nein, wohl kaum, die waren doch schon am Sonntag von Cluny losgegangen! Doch sie waren es. Claudia
und Sabina kamen beide aus Saarlouis und waren wie ich im dritten Jahr unterwegs nach Santiago.
Um 15.00 Uhr gingen wir gemeinsam die restlichen sieben Kilometer bis nach Saint-Haon-le-Châtel. Das Städtchen
ist ein wahres Freilichtmuseum. Ein wahrhaft lebendiges Museum des Mittelalters.
Claudia ergriff die Initiative in der dortigen gîte d'étape et de séjour, um für jeden ein
11 Euro teures Zimmer zu bekommen. Wir hatten die gîte für uns alleine. Jeder sein Zimmer. Auch ins
Restaurant Au Naturáelles, gleich nebenan, gingen wir gemeinsam. Mein Menü für 19 Euro bestand aus Salat, zwei
Kaninchenläufen, Käse und crème brûlée. Um 22.00 Uhr lag ich in meinem Schlafsack auf dem
Bett.
Sonntag, 04. Juni 2006
Als die Kirchturmuhr erbarmungslos sechs Mal schlug, wurde ich wach mit dem Gefühl einer verhaltenen Spannung: Was
wird der Tag wohl bringen? Um 7.00 Uhr hatte ich mir bereits einen Kaffee gekocht, altes Baguette gegessen und Tagebuch
geschrieben. Sabina ging in die Boulangerie, um für jeden ein Baguette und ein Schokocroissant zu kaufen. Da in
Saint-Haon-le-Châtel Flohmark abgehalten wurde, kamen wir erst um 10.15 Uhr aus dem malerischen alten Ort heraus.
Nach weniger als einer halben Stunde erreichten wir über wunderbare Weide- und Waldwege Renaision. Der dann leider
geteerte Weg bis nach Saint-André-d'Apchon lieβ sich zwar nicht bequem gehen, dafür belohnte er aber
mit märchenhaften Aussichten ins Tal der Loire. Jeder ging seinen eigenen Rhythmus: Claudia vorneweg und ich als
Letzter hinterher. Es tat gut, nach fast einer Woche des Allein-Wanderns mal wieder mit anderen zusammen zu sein.
Um die Mittagszeit kamen wir in Saint-Alban-les-Eaux an und pausierten eine Stunde. Mittags so lange in einem Restaurant
zu rasten, war für mich etwas ungewohnt, aber durchaus passend.
Leider besserte sich die Beschaffenheit der Wege auch danach nicht: überwiegend Teer. Schade! Kurz hinter Lentigny,
an der Brücke über die Lourdon setzten wir uns im Schatten der Bäume einvernehmlich zur Rast nieder. Die
Kühle des Windes erfrischte uns, aber auf die Dauer wurde es mir zu kalt. Auf den letzten zwei Kilometern bis Saint-Jean-Saint-Maurice
entschädigte uns ein weicher Weideweg für die vorangegangenen Härten.
In keinem der beiden Hotels des Ortes war ein Zimmer für mich frei. Es war das erste Mal, dass ich keine Unterkunft
bekam. Von diesem malerisch, auf einem Bergvorsprung gelegenen Ort, hatte man einen schönen Blick auf die Loire.
Imposant wirkt die Landschaft auch durch die Stauung des Flusses in Villerest. Unterhalb der Burgruine aus dem 12.
Jahrhundert befindet sich das Kirchlein von Saint Maurice. Darin erstreckt sich ein rechteckiger Kirchenraum vor einem
romanischen Chor, ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert. In einer Fensterhöhlung kann man ein Fresco von Saint Jacques
bewundern, das jahrhundertelang unter einigen Millimetern Putz verborgen geblieben war. Es stammt aus dem 13. Jahrhundert,
zeigt St. Jacques als Pilger von Compostela.
Ich verabschiedete mich von Claudia und Sabina und nahm den zirka fünf Kilometer langen Weg nach Bully im Schweinsgalopp
in Angriff. Nach ungefähr zwei Kilometern wurde mir der Weg versperrt: Eine Sportschützenvereinigung ballerte
wild in der Gegend herum. So musste ich wieder zurück auf die Straβe (D203) und noch einmal fünf Kilometer
bis nach Bully laufen. Auf dem Weg dorthin kam ich an dem, von Claudia und Sabina gebuchten, chambres d'hôtes
vorbei. Ich hatte Glück, hier ein Zimmer zu bekommen. Nach gut eineinhalb Stunden erreichten auch die beiden Saarländerinnen
das chambres d'hôtes.
Zum Abendessen gab es Salat, Kartoffeln mit Lyoner Wurst, wie schon so oft, Käse zum Abschluss und als Dessert Eis.
Um 21.00 Uhr lag ich im Bett.
Montag, 05. Juni 2006
Ab 6.00 Uhr schien die Sonne in mein Zimmer und der Kuckuck war auch schon mit den anderen Vögeln des Waldes zu
hören. Der Cuculus canorus erschien mir als ständiger Begleiter. Schon ab Taizé hörte ich ihn jeden
Tag.
Für Übernachtung, Abendessen und Frühstück zahlte ich 35 Euro. Um 9.30 Uhr schritt ich mit einer
Wegeabkürzungsinformation der Herbergsleute von dannen. Als ich an die Stelle kam, an der ich hätte abkürzen
können, entschloss ich mich jedoch, weiter auf der D203 zu bleiben. So wie ich die Abkürzung überschauen konnte,
ging sie steil den Abhang hinunter und auf der anderen Seite des Baches genauso steil wieder hinauf. Die Straβe machte
zwar mehrere Schlenker, dafür konnte ich aber das Tal umgehen. Ich fühlte mich richtig wohl. Zum ersten Mal hatte
ich meine Füβe nicht getapet.
Nach knapp einer Stunde erreichte ich Bully. Da die Kirche verschlossen war, sparte ich mir die Pause. Die Wege lieβen
sich hervorragend gehen: wenig Höhendifferenz und gröβtenteils durch Wald und Weide. Eine interessante
Perspektive bot sich kurz vor Dancé: Als Erstes sah ich die Kirchturmspitze, die ähnlich einem Indianerzelt
aus der Landschaft ragte.
So kurz vor zwölf legte ich mich im Schatten der verschlossenen Kirche ins Gras und ruhte mich 45 Minuten aus. Von
hier oben hatte man einen herrlichen Blick ins Land: Bis zum nächsten Ort, Amions, konnte ich fast meinen gesamten
Weg erkennen. Im Ort angekommen, stand ich leider wieder vor einer verschlossenen Kirche. Und das am Pfingstmontag!
Leicht verärgert ging ich weiter. Bis nach Pommiers hatte ich noch sieben Kilometer vor mir.
Abgesehen von einem kurzen Abschnitt, war der Weg gut begehbar.
Nach einer Stunde, durch die pralle Sonne wandernd, erreichte ich die Abtei von Pommiers. Eine Besichtigung der Anlage
war mir eine angenehme Abwechslung. Vom Klosterhof aus konnte ich schon den Campingplatz am anderen Flussufer sehen,
wo ich heute in einem Wohnwagen übernachten wollte.
Aus dem Wohnwagen wurde ein Zelt für acht Euro. Der Wohnwagen war - so wie ich es Verstand - von zwei Pilgerinnen
reserviert worden ... So belegte ich mein Zelt, in dem zwei Betten standen. Ich fühlte mich prima, setzte mich unter
einen Lindenbaum und schrieb die Erlebnisse des Tages in mein Tagebuch.
Zum Abendessen ging ich zum Campingplatz-Imbiss, aβ das Tagesmenü für elf Euro und trank einen Wein dazu.
Noch während des Essens gesellten sich Claudia und Sabina dazu.
Dienstag, 06. Juni 2006
Ohne Frühstück machte ich mich auf den Weg: erst mal mindestens drei Kilometer Straβe. Irgendwie hatte
ich eine lahme Gangart drauf, doch als die Route abbog in einen Weideweg, kam ich schneller voran. Der letzte Kilometer
auf der Teerstraβe nach Bussy-Albieux machte mir dann schon nichts mehr aus. Im Ort holte ich um 10.15 Uhr mein Frühstück
nach, mit einer Tasse Kaffee und einem Croissant.
Nach anderthalb Kilometern auf Wald- und Wiesenwegen war der letzte Kilometer Straβe bis Arthun ein Klacks. In der
offenstehenden Kirche entzündete ich für die Zuhausegebliebenen ein Licht. Als ich am Château Beauvoir
vorbeikam, am Ortsrand von Arthun, bot sich mir ein schattiges Plätzchen zwischen zwei Fischteichen zur Pause an.
Ich rollte meine Isomatte aus und hörte nur noch das Gequake der Frösche.
Als ich so nach ungefähr 40 Minuten wach wurde und mich wieder auf den Weg machen wollte, kamen Claudia und Sabina
daher. Sie übernahmen meinen Schlafplatz und ich tippelte leichten Schrittes weiter. 20 Minuten später war alle
Herrlichkeit vorbei: noch sechs Kilometer Straβe!
Als ich in Ste-Agathe-la-Bouteresse ankam, war die Kirche zugesperrt. Ich hätte dringend eine Pause gebraucht, und
was bietet sich einem Pilger eher an als eine Kirche. Aber das Hinweisschild - drei Kilometer bis Montverdun - setzte
neue Kräfte frei. Ich wandelte guten Mutes des Weges, besah mir jede Blume und murmelte ein Liedchen, machte mit
meinen Gedanken tausend Kapriolen und blieb an der schönen Idee hängen, dass ich heute Abend wohl besser
unterkommen würde, als gestern. Als Erstes fiel mir die Vulkankuppe auf, die die Stadt überragt. Sie ist bekrönt
mit den Resten eines befestigten benediktinischen Priorats.
Beim Eintritt in die seit 300 Jahren verwaiste Priorei staunte ich über die noch gut erhaltene Bausubstanz der
aus schwarzem Basalt erbauten Kirche sowie der Wohn- und Arbeitsräume der Mönche. Auf meine Frage hin, ob ich
hier ein Zimmer bekommen könne, bot man mir ein Bett in einem Schlafsaal an.
Nach ungefähr 30 Minuten öffnete sich das schwere Tor des Innenhofes und eine Pilgerin betrat die Anlage. Auch
ihr wurde das Anwesen gezeigt und eines der fünf Betten zugeteilt. Als sie dann Zeit hatte, mich zu begrüβen,
freute sie sich riesig: Ich sei der erste Pilger, dem sie seit Speyer begegnete. Doris kam aus Mannheim und war seit dem
1. Mai unterwegs nach Santiago de Compostela. Nach einem kurzen Erlebnisaustausch besuchten wir gemeinsam die Kirche.
Während dieser Zeit erreichten auch Claudia und Sabina das Priorat. Ihnen wurde ebenfalls ein Platz im Schlafsaal
zugewiesen.
Sabina kochte Spagetti, mit einer Tomaten-Champignon-Sauce, für uns alle. Wir stellten uns einen Tisch in den Hof
und genossen den Abend. Jeder erzählte von seinen Erlebnissen auf dem Jakobsweg. Doris war ihn schon mal in Etappen
gegangen.
Anschlieβend übernahm ich das Spülen der Teller und Töpfe. - Es war wirklich wunderbar, in so
altem Gemäuer zu essen und zu schlafen!
Gegen 21.30 Uhr beobachteten wir - gemeinsam über die Burgmauer schauend -, wie die Sonne allmählich ihren
Bogen beendete und sich auf die Spitzen der Wälder am westlichen Horizont senkte. Ihr blasses Licht begann zu
glühen, der Himmel färbte sich violett und rosarot. Die Sonne wurde zu einem blutroten Ball, der sich an den
Spitzen der Bäume stach. Alsbald nahmen die Hügel am Horizont das rosafarbene Abendlicht wie Löschpapier
in sich auf, dann verblassten sie unter dem Licht des Mondes. - Nach diesem Naturschauspiel krabbelte jeder in seinen
Schlafsack.
Mittwoch, 07. Juni 2006
Es war 7.00 Uhr, als ich durch das Geläut der Prieuré aus Schlaf und Bett zugleich emporfuhr. Mit Doris
hatte ich mich schon gestern Abend verständigt, dass wir heute zusammen weitergehen wollten. Unten in dem kleinen
Ort hatte die Bar schon geöffnet, und wir tranken gemeinsam einen Kaffee. Nach ungefähr 500 Metern wurde die
Teerstraβe zu einem vom Tau des Morgens noch feuchten Wiesenweg und verwandelte sich kurze Zeit später in einen
ansteigenden Waldweg. Aber so früh am Morgen machte mir das kaum zu schaffen. Am Scheitelpunkt des Weges, unterhalb
vom Mont d'Uzore, hatten wir einen herrlichen Ausblick auf eine Seenlandschaft mit dem davor liegenden château les
Bichets. 20 Minuten später erreichten wir Chalain d'Uzore.
Ich begann mich mit der Frage zu beschäftigen, ob ich einen Tag Ruhepause einlegen sollte oder nicht. Der Tag war ja
noch jung, und so wollte ich meine Entscheidung etwas später treffen. Die gut vier Kilometer bis Champdieu waren
mit drei Kilometern Straβenanteil schnell abgelaufen. Für die Mühe entschädigte mich der Ort mit
seinen malerischen Winkeln und der romanischen Kirche. Das Gotteshaus birgt noch viele gut erhaltene Kapitelle; auch der
Kreuzgang, des angrenzenden Klosters, ist noch gut erhalten.
Auf der Suche nach dem Ortsausgang trafen wir an der Brücke über die Rau de Ruillat Claudia und Sabina.
Nun war es allmählich Zeit, mich zu entscheiden, ob ich einen Ruhetag einlegen sollte oder nicht. Ich kam zu dem
Ergebnis, dass ich keinen Tag Pause brauche. Ich fühlte mich wirklich wohl. Nichts tat mir weh, das Wetter war gut,
und zu zweit geht es sich auch leichter als zuvor alleine. So entschloss ich mich, mich dem Rhythmus von Doris anzupassen
und bis St. Thomas-la-Gárde mitzugehen.
Kaum waren wir dem Gewirr der Gassen entronnen, entschieden wir, die sechs Kilometer über Les Brosses und Curtieux
abzukürzen und parallel zur D8 über eine Verbindungsstraβe zwischen Champdieu und Montbrison zu gehen. Das
ersparte uns einen Aufstieg von 200 Höhenmetern und einen Abstieg über 180 Meter sowie 2000 Längenmeter.
Als wir Montbrison erreichten, so gegen 14.00 Uhr, musste ich mich erst mal wieder an den Straβenlärm gewöhnen.
Wir gingen in die Touristeninformation um einen Stadtplan zu erbitten, um uns zurechtzufinden in der 15.000 Einwohner
zählenden Stadt. Bei einem kühlen Getränk auf dem Platz vor dem Rathaus studierten wir in aller Ruhe den
Stadtplan und fanden so auch schnell die Stiftskirche Notre-Dame d'Espérance. Nach all den kleinen Kirchlein der
vergangenen Tage hatte man hier den Eindruck, in einer Kathedrale zu stehen.
Der Weg aus der Stadt hinaus war sehr unangenehm: viel Lärm und Abgase. Erst als wir den Ort Moingt erreichten,
wurde es erträglicher. Der letzte Teil des Weges war wie an jedem Tag schwierig. Während die Kräfte merklich
nachlieβen, wollte und wollte das Ziel nicht näher kommen. Endlich hatten wir es geschafft.
Beim Eintritt in das chambres (3epis = gleichzusetzen mit den Sternen für ein Hotel) glaubte ich, im Paradies
empfangen zu werden. Nach dem üblichen Prozedere setzte ich mich in den Hof und schrieb meine Tageserlebnisse auf.
Madame Belin, die Herbergsmutter, brachte Wasser, Eistee und Gebäck zur Erfrischung. So langsam trudelten auch die
anderen Übernachtungsgäste im Hof ein.
Zum Abendessen blieben wir im Hof sitzen, denn keiner konnte und wollte sich von dem herrlichen Ausblick auf den zirka
zwei Kilometer entfernten Vulkankegel mit der Prieuré trennen. Wir saβen in stiller Melancholie zurückgelehnt
auf unseren Stühlen, als hätte die französische Abenddämmerung endlich jede Erinnerung der Tagesstrapazen
aus unseren Herzen gezogen.
Es gab grünen Salat mit Garnelen, gedünsteten Fisch mit Ratatouille und Hirse mit Rosinen, Käse, Apfelkuchen
als Dessert und zum Schluss noch einen Kaffee.
Es war wieder ein herrlicher Tag. Mit Doris zu gehen, hatte Spaβ gemacht. Wir nahmen uns vor, morgen wieder zusammen
zu gehen, schon deswegen, weil für mich ein Zimmer in La Chapelle gebucht war.
So leicht wie in der ersten Woche ist es jetzt nicht mehr, unangemeldet irgendwo aufzutauchen um ein Zimmer zu erhalten.
Donnerstag, 08. Juni 2006
Nach dem Frühstück erklärte uns Madame Belin noch das Wappen, welches als Motiv für ihren Pilgerstempel
dient. Das Original zeigte sie uns in der angrenzenden Kirche als Deckenrosette. Die Kirche war Teil eines Nonnenklosters,
dessen Prior Arthur Chabœuf hieβ, daher das Schaf und das Rind im Wappen.
Mit Stolz, wie ein Feldherr, der seine Beute vorführt, zeigte sie uns noch das Haus zwischen der Kirche und ihrem
Wohnhaus, das sie gerade als Pilgerherberge umbaut. Für meinen Aufenthalt in diesem chambres hatte ich insgesamt
50 Euro zu zahlen.
Nach drei Kilometern erreichten wir Saint-Georges-Haute-Ville. Es war mir wichtig, in diesem Ort die Stelle zu finden, wo
der Genfer-Jakobsweg auf den Kölner-Weg trifft. Mit Phillip hatte ich mir mal vorgestellt, dass man sich hier treffen
könnte, um dann gemeinsam weiterzugehen. Leider hat es Phillip nicht bis hierhin geschafft.
Phillip kommt aus München und ging oft zeitgleich mit mir den Jakobsweg durch die Schweiz.
Der Weg folgte bis Margerie-Chantagret dem uns vertrauten Muster: bergauf, bergab, mal Straβe, mal Wiesenweg. Als
wir diesen Ort nach gut einer Stunde erreichten, genehmigten wir uns einen Kaffee. Kaum waren wir wieder auf dem
Feldweg, sahen wir unsere Freunde aus dem letzten Quartier von links herkommen. Bis le Pont folgten sie uns, wie zwei
Fronvögte hinter den hörigen Knechten. Der Abschnitt zwischen le Brét und le Pont absolvierten
wir auf einem zwei Fuβ breiten Trampelpfad, in dem dicht, hüfthoch und messerscharf die Grashalme standen.
Wie der Name der Siedlung schon andeutet, ging der Weg in le Pont über eine alte Römerbrücke. Danach ging
es steil bergauf bis nach Saint-Jean-Soley-mieux. Oben angekommen, direkt an der offen stehenden Kirche aus dem
13. Jahrhundert, legten wir eine Verschnaufpause ein - wie bestimmt auch schon die Pilger vergangener Zeiten. Die Krypta
der Kirche Notre-Dame-sous-Terre oder auch Notre-Dame-des-Fièvres genannt, stammt aus dem 11. Jahrhundert. Der
zweite Name, Unserer-lieben-Frau-der-Fieber, deutet auf Malaria hin. Das Wasser einer in der Krypta entspringenden Quelle
wurde hier getrunken, da es als heilkräftig bei Sumpffieber und anderen Krankheiten galt. Noch nie hatte ich ein
Kirchenschiff gesehen, in dem die Bankreihen so angebracht sind wie in einem Hörsaal. Das liegt wohl auch daran,
dass die Kirche über dieser kleinen Pestkapelle an einem Hang gebaut wurde.
Auf einer Parkplatzbank stärkten wir uns noch ein wenig, bevor der Aufstieg zunächst auf 821 Meter, dann auf
896 Meter und letztendlich, in la Chapelle-en-Lafaye, auf 1087 Meter Höhe hinaufführte. Wir brauchten zwei Stunden
für gut vier Kilometer, um bis zum Kreuz von la Citre zu kommen. Den Weg, ein ausgetrocknetes Bachbett, zu gehen,
wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass lose liegende Steine einen festen Tritt fast unmöglich machten.
Als wir in la Chapelle-en-Lafaye ankamen, ging es auf die 17.00 Uhr zu. Schnell hatten wir die gîte für diese
Nacht gefunden. Beim Eintritt in den Hof sahen wir einen Pilger mit vor sich ausgebreiteter Wanderkarte gemütlich
auf einer Bank sitzen. Es war Jacques aus Paris. Nach Einquartierung (12 Euro) und Waschen blieb uns bis zum Abendessen
im Restaurant Auberge du Marais um 19.00 Uhr noch etwas Zeit. Wir setzten uns unter einen Lindenbaum und tauschten unsere
Begebenheiten auf dem Jakobsweg aus.
Um 19.00 Uhr gingen wir gemeinsam zum Essen. Ich wählte einen Salat als Vorspeise, eine Lachsroulade mit Krabben
als Hauptgang und Käse zum Abschluss. Doris übernahm den Wein, Jacques den Digestif. Der Wirt des Restaurants
bot uns an, am Morgen bei ihm für 4,50 Euro zu frühstücken.
Freitag, 09. Juni 2006
Es wurde 8.30 Uhr, bis ich mit Doris und Jacques losmarschierte. Gleich begann der Weg mit zwölf Prozent Steigung
bis nach Montarcher. Oben, auf 1150 Metern über dem Meeresspiegel, auf dem Vorplatz der Kirche aus dem 12. Jahrhundert,
hatte ich einen grandiosen Ausblick auf den Mont Pilat und die Berge der Margeride. Der Himmel war wolkenlos und ich
konnte kilometerweit sehen. Die Luft, die mich hier viel mächtiger umgab, strömte in mich ein wie ein voller
Schluck Champagner in eine durstige Kehle, und ich fühlte sogleich den Rausch, wie nach langem Fasten. Alles wurde
so leicht und so mühelos. So was hatte ich bisher auf meinem Pilgerweg noch nicht erlebt.
Eine Tafel, die angab, in welche Richtung welcher Berg oder Ort liegt, zeigte für Le Puy 47 Kilometer an. - Sicherlich
nur Luftlinie, aber immerhin.
Beim Vergleich mit meiner Karte konnte ich auch schon den Ort ausmachen, der für mich heute Etappenziel sein sollte.
Doris hatte alles versucht, um auch für mich ein Zimmer in Le Besset zu bekommen, aber leider erfolglos. So
entschloss ich mich, in Leignecq zu bleiben und sie und Jacques am Samstagmorgen einzuholen. Aber nun der Reihe nach:
Der Weg durch den Wald runter nach Egarande war wunderbar zu gehen. Eine Stunde Später, als wir in Estivareilles
ankamen, setzten wir uns in eine Bar und tranken ein giftgrünes Pfefferminzwasser.
Estivareilles war im August 1944 Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen deutschen Truppen auf dem Weg nach
Saint-Etienne und Partisanen der Résistance gewesen. Gut, dass diese schrecklichen Zeiten vorbei waren und dass
ich als Pilger ungehindert und friedlich durch Frankreich ziehen konnte!
Nach einem kurzen Besuch in der Kirche wandelten wir wieder auf traumhaften Waldwegen. Zwar wurden sie zwischendurch
mal etwas steinig und steil, aber das konnte meine Freude nicht trüben. Die Sonne setzte all ihre Kraft ein, um
sämtliche Blüten und Gräser der Umgebung zu öffnen, und der Wind tat sein Übriges, um mir die
Düfte des Waldes zu einem Genuss werden zu lassen. Bald danach erreichten wir Apinac. Von da aus bis nach Leignecq
hatten wir wieder ein schweiβtreibendes Stück Weg vor uns. Dann hieβ es, sich zu trennen. Auf eine groβe
Verabschiedungszeremonie verzichteten wir, denn wir waren alle davon überzeugt, uns morgen wiederzusehen.
Ein hilfsbereiter Mensch zeigte mir den Weg zum Campingplatz, der 800 Meter vom Ort entfernt lag. Zu meiner groβen
Freude bemerkte ich, dass der Weg am Campingplatz entlang weiter ging und nach zirka 500 Metern im Ort Cubelle wieder
auf den Jakobsweg stieβ. Das bedeutete für mich am nächsten Morgen nur vier oder fünf Kilometer bis
zur Herberge meiner Mitpilger. Das würde ich wohl in gut einer Stunde schaffen können.
Um 15.00 Uhr erreichte ich den Campingplatz. Im Büro war niemand, aber es dauerte nur wenige Minuten, bis ein Camper
auf mich zukam und mir eine im Fenster des Büros befestigte Telefonnummer zeigte, unter der der Verwalter des
Campingplatzes zu erreichen war. Als er meine geringen Französischkenntnisse bemerkte, bat er um eine Telefonkarte,
die ich ihm mit Freude gab. Freundlicherweise rief er den Verwalter an und sagte mir dann, dass er gleich kommen würde.
Allerdings musste ich bis 17.30 Uhr warten, bis jemand kam, den ich bat, mir einen Wohnwagen für eine Nacht zu
vermieten. Das sei hier aber nicht möglich, war dessen Antwort. Er bot mir stattdessen für fünf Euro das
Büro als Schlafplatz an. Ich akzeptierte dankbar. Nach dem Duschen und einem Becher Tee war die Pilgerwelt für
mich wieder in Ordnung. Freudig brach ich meine Nahrungsreserven an, zwei Dosen Sprotten, die ich von zu Hause mitgenommen
hatte.
Sobald am nächsten Morgen meine nächtliche Müdigkeit verscheucht wäre, wollte ich weitergehen.
Samstag, 10. Juni 2006
Trotz der bescheidenen Unterkunft schlief ich auf der Isomatte und im Schlafsack gut.
Um 5.30 Uhr, während die Nacht allmählich wieder zum Tag wurde, schälte ich mich aus den Daunen. Zur
gleichen Zeit verhüllte die aufgehende Sonne den See mit einem Nebelschleier, was fantastische Kontraste auf dem
Wasser erzeugte.
Durch den Hinterausgang des Campingplatzes machte ich mich auf den Weg. Mein Schatten war noch lang, als ich die
Anhöhe nach Cubelle erreichte. Mit raumgreifendem Schritt legte ich den gut zu gehenden Waldweg, der bald zur
Teerstraβe wurde, zurück. Kurz vor acht erreichte ich die Herberge von Doris und Jacques. Der Herr des Hauses
spendierte mir einen Kaffee, den ich sehr genoss, während meine Begleiter ausgiebig frühstückten.
Gemeinsam gingen wir dann unseren Weg weiter, anfangs noch über die Straβe mit einmalig schönen Blicken
über Berg und Tal. Kurze Zeit später erreichten wir Valprivas, dessen Festung schon im Jahre 935 erwähnt
wurde. Im Vorbeigehen warf ich einen Blick in den Schlosshof aus dem 15. Jahrhundert. Weiter ging es immer noch über
das Asphaltband bis zu der Stelle, die man Les Côtes nennt (Les Côtes = kleiner Berg immerhin ist er
720 Meter hoch). Von hier aus führte der Kurs im Zickzack steil bergab. Am tiefsten Punkt (550 m) angelangt,
überschritten wir die Brücke über die L'Andrable. Es bot sich an, ein wenig zu verschnaufen und neue Kräfte
zu sammeln, denn die gleiche Höhe, von der wir runterkamen, mussten wir nun wieder mühsam, einen Fuβ vor
den anderen setzend, hochstapften - sogar noch ein bisschen höher.
Als wir die Höhe von 746 Metern schwer atmend erreichten, erkannten wir, dass wir, um nach Châles zu kommen,
noch weitere 50 Höhenmeter überwinden mussten. Am anderen Ende von Châles freute ich mich, schon den
Kirchturm von Sarlanges zu erkennen, allerdings sah ich nicht, wie tief das Tal dazwischen war; das konnte ich nur aus
meiner Karte ablesen: Zur Loire ging es auf 500 Meter hinunter und dann wieder auf 700 Meter hinauf.
Gut einen Kilometer verlief der Weg am Fluss entlang, bis wir die Brücke erreichten, die uns mit dem Weg nach Sarlanges
verband. Nun ging es die 200 Höhenmeter wieder rauf. Noch lange hörte ich den Fluss und verglich seine Strudel
und Wirbel innerlich mit von Brahms` Intermezzo Nr. 2, mit dem immer tiefer hinabgleitenden Andante non troppo. Durch einen
letzten Windstoβ, die Höhe schon fast erreicht, vernahm ich die immer schwächeren werdenden Töne.
Mitten im Ort gab es eine kleine Überraschung. Ein altes Backhaus hätte Pilgern als Notlager dienen können.
Trotz der Freude, den Anstieg geschafft zu haben, war ich ganz schön fertig. Bedauerlicherweise neigte sich mein
Wassertank dem Ende zu - sechs Kilometer vor Retournac. Sanft abfallend verlief die Straβe bis nach le Cortial, und
dort stand ein fahrender Obstverkäufer, bei dem man auch Säfte bekam. Froh trank ich sofort einen halben Liter
Apfelsaft und füllte anderthalb weitere in meinen Trinkschlauch. Mal steigend, mal fallend verlief der Weg dann bis
zu unserem Tagesziel. In Jussac war Doris uns schon weit vorausgeeilt und wir versuchten sie, einzuholen.
Eingeholt hatte mich ganz plötzlich und unverhofft auch die Wirkung des jus de pomme. In persönlicher
Bestzeit hatte ich den Rucksack von mir geworfen und war in die Büsche gesprungen. Gerade noch rechtzeitig! Denn die
treibende Kraft des Apfelsafts wurde im Vergleich zum Glaubersalz beim Heilfasten noch um ein Vielfaches übertroffen.
In Retournac gelang es uns, sowohl Doris als auch das Hotel zu finden, in dem wir für 40 Euro unterkamen.
Zum Essen gingen wir in ein Restaurant gleich nebenan. Als Vorspeise aβ ich leicht geräucherten Hering mit
Linsen. superbe! Das Hauptgericht bestand aus Gemüse, Fleisch und Kartoffeln. Zum Abschluss gab es Käse und
einen Cognac. Der Wirt, unserer Herberge, gab uns als Schlaftrunk, noch einen Cognac, der bei mir sofort die Müdigkeit
beschleunigte, sodass ich in einen bleiernen Schlaf fiel.
Sonntag, 11. Juni 2006
Das Frühstück, Kaffee und Croissant, wurde uns vor dem Haus serviert. Doris wollte gleich los, denn sie hatte
vor, heute noch le Puy zu erreichen (43 km). Jacques war entkräftet und fuhr mit dem Zug nach Le Puy.
So ging ich wieder alleine. Auf dem Weg durch die Stadt zur Brücke über die Loire, reihte ich mich geduldig in
eine Schlange Baguette kaufender Leute ein und erwarb nach 10 Minuten ein halbes Baguette, das mir für diese
Tagesetappe reichen musste.
Mein Weg, war der mit dem Muschelzeichen markierte, der über den Fluss, dann den Berg hoch nach Retournaquet und
weiter auf einem Trampelpfad durch den Wald führte. Die Aussicht war zunächst faszinierend, aber nach zwei
Kilometern war alle Herrlichkeit vorbei. Ich gelangte auf die Straβe nach Chamaliéres-sur-Loire, und
zumindest bis nach Vorey-sur-Arzon wollte ich die auch gehen. Der Grund dafür lag auf der Hand: Mein Streckenplan
sah für heute 21 Kilometer vor und für morgen 27. Da mir jedoch daran lag, meine Schlussetappe so kurz wie
möglich zu halten, musste ich heute eine längere Strecke zurücklegen. So war mir jedes Mittel recht, um
den Weg etwas abzukürzen. Morgen stünden dann nur noch 20 Kilometer auf dem Programm. Schon kurz vor
Chamaliéres-sur-Loire bot sich mir ein wunderbarer Blick auf den Ort. Die Häuserreihe, die dem Fluss am
nächsten steht, spiegelte sich in dem stillen Gewässer. Im Ort selbst stand ich enttäuscht vor der
verschlossenen Pilgerkirche. Zwei, drei Fotos von auβen, und dann marschierte ich fünf Kilometer die D103 entlang
bis zwei Kilometer vor Vorey-sur-Arzon; da stieβ ich wieder auf den Jakobsweg, der hier nahe der Loire verläuft.
Hier präsentierte sich der Fluss als ein völlig sich selbst überlassener Strom von ursprünglicher
Schönheit. Er weist keine Spur menschlicher Begradigung auf, Gras, Schilf, steil abfallende Felsen und niederes
Buschwerk fassen ihn ein; wildbewachsene Inseln oder trockene Sandbänke durchsetzen ihn.
Ein Straβencafé bot sich an, gemütlich Pause zu machen. Ich trank zwei groβe Gläser menthe à
l'eau, Pfefferminzesirup mit Wasser verdünnt, und ruhte mich eine halbe Stunde aus. Vorey-sur-Arzon hatte ich eigentlich
als meinen Zielort der 13. Etappe vorgesehen. Jetzt aber wollte ich doch bis St.-Vincent gehen. Durch ein Seitental der Loire ging
der Weg sanft bergauf immer am Buisseau-de-Ramey entlang, der fröhlich in seinem steinernen Bett dahinhüpfte
und tanzte und hier eine Blume, dort einen Strauch, dort ein Lämmerwölkchen widerspiegelte. In la Couleyre
bemerkte ich, dass ich nichts mehr zu trinken hatte, und in Cèneuil, einen Ort weiter, bat ich eine im Hof sitzende
Familie um Wasser. Das kühle Nass tat mir gut.
In Chalighac, einen Kilometer vor meinem geplanten Zielort, kam ich um 16.30 Uhr in dem chambres d'hôtel La
Buissonniere unter. Bis zum Abendessen um 19.00 Uhr hatte ich ausreichend Zeit, mich zu regenerieren. Das Essen war
befriedigend bis ausreichend: Salat, roher und gekochter Schinken, Lyoner-Wurst und Käse, alles zu kalt.
Vermutlich lieβ mich die Vorstellung, am nächsten Tag in Le Puy einzutreffen, nicht zur Ruhe kommen. Die Nacht
nistete schon in den Nischen und Winkeln des Raumes, als ich endlich einschlief.
Montag, 12. Juni 2006
Wie so oft wurde ich ohne Wecker wach, denn die Sonne schien direkt in mein Zimmer. Um 8.30 Uhr ging ich los. Eine
Stunde später war ich schon in Lavoûte-sur-Loire - trotz des Umweges über St-Vincent mit verschlossener Kirche.
Immer den Blick auf das über dem Fluss gelegene château de Lavoûte-Polignac gerichtet, übersah ich
fast die Reste einer römischen Brücke über die Loire, die sich hier immer noch wildromantisch durch das
enge Tal windet. Wenige Hundert Meter weiter zeigte mir ein Wegweiser, dass ich den bequem zu gehenden Uferweg verlassen
und meinen Weg über die Höhe fortsetzen müsse.
Es gab einen mörderischen Aufstieg von Flusshöhe 570 auf Gipfelhöhe 890. Der Weg war übersäht
mit losen Steinen, und aus dem Erdreich ragten flache Wurzeln wie knotige Venen. Aber für die anstrengende Route
wurde ich mit wunderbaren Ausblicken belohnt.
Von Ceyssaguet bis kurz hinter der Ortschaft Rachat genoss ich die atemberaubende schöne Sicht. Dann begann der
Abstieg, nicht viel weniger anstrengend als der Aufstieg. Als ich nach gut zwei Kilometern aus dem Wald trat, zeigte
sich mir eine gigantische Burganlage. Während ich der Burg von Polignac immer näher kam, boten sich mir weitere
tolle Perspektiven zum Fotografieren.
Die Anhöhe über Tressac und Chevrac bemerkte ich kaum, glaubte ich doch, hinter jeder Wegebiegung die
Vulkankegel von Le Puy zu entdecken. Aber erst musste ich noch den Ruisseau de Cheyrac, einen Nebenfluss der Loire, überqueren,
dann (m)ein letzter Anstieg ... und so plötzlich, wie ein Blitz, tauchte zwischen zwei Häusern, fast in
Augenhöhe, Notre Dame auf. Hüpfend vor Freude, das Ziel meiner Etappe und meiner Träume vor Augen, legte
ich die restlichen drei Kilometer bis zur Kathedrale von Le Puy voller Begeisterung und närrisch vor Unruhe und
Neugier in 30 Minuten zurück. Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte. Mein Blick sprang ständig hin
und her zwischen Notre Dame, Kathedrale, St. Michel und den engen Gassen mit den alten Häusern.
Zuerst besuchte ich die Kathedrale. Dann ging ich zur Touristeninformation, um mir einen Stadtplan zu besorgen. Als
ich im Hotel Jacques de Compostele um ein Zimmer bat, teilte man mir mit, ich könne das Zimmer leider nur für
eine Nacht bekommen. Das trübte meine Freude etwas, denn ich wollte doch noch den ganzen nächsten Tag in der
Stadt verbringen. Ich checkte trotzdem ein.
Nach einer kurzen Regenerierungspause ging ich mit Doris, die im gleichen Hotel untergekommen war, zu St. Michel hoch.
Die 286, in den Fels geschlagenen, Stufen, lieβen sich bequem gehen.
Auf dem Weg zurück in die Stadt schauten wir noch ins Pilgerbüro. Man hieβ uns herzlich willkommen und
servierte uns ein kühles Getränk. Ich erhielt ein Unterkunftsverzeichnis für den weiteren Weg und eine
Jakobsmuschel. Den angebotenen Pilgerpass werde ich mir bei meinem nächsten Besuch kaufen, denn ich glaube, dieser
Pilgerpass hat genügend Seiten, um alle Stationen bis nach Santiago de Compostela auflisten zu können.
Wir schlenderten noch ein wenig über die markanten Plätze der Stadt, in der Hoffnung, Jacques zu treffen. Doch
wir sahen ihn weder auf dem Place du Martouret (lateinisch = Martoretum = Friedhof) noch auf dem Place du Plot (Planum
= Platz, Kreuzung). Letzterer ist auch der Ausgangspunkt für den Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Hier, am
Rande des Platzes, in der Rue de la St. Jacques, beginnt die Via Podiensis.
Über das gemeinsame Abendessen im Restaurant La Felouque hülle ich den Mantel des Schweigens. Es war miserabel.
Und ich hatte geglaubt, in einer Pilgergaststätte gut bedient zu werden und gut zu essen!
Dienstag, 13. Juni 2006
Ich frühstückte noch mit Doris und begleitete sie bis zu der Stelle, an der sicher schon Tausende von Pilgern
verabschiedet wurden, der Rue de la St.Jacques. Nach einem letzten "Auf Wiedersehen" und dem Austausch von guten
Wünschen war ich wieder alleine.
Nun hatte ich Zeit, mir die Kathedrale genau anzuschauen. Von der untersten Stufe bis hoch zum Turmkreuz war die ganze
Kathedrale ein ergreifendes Gotteshaus. Notre Dame du Puy gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Sie steht am Hang
eines erloschenen Vulkans, mit einer 16 Meter hohen Marienstatue auf dem Gipfel.
Die Besichtigung habe ich mir bewusst für das nächste Mal (nächstes Jahr) aufgehoben.
Auf dem Hauptaltar steht heute eine weiβ ummantelte, schwarze Muttergottesstatue, eine Kopie der aus dem
17. Jahrhundert bekannten Figur. Sie ist umgeben von vielen roten Hängelampen und mit Hunderten von brennenden
Kerzen. Für die Jakobspilger steht vorne am ersten Pfeiler links eine schöne, geschnitzte Jakobusstatue.
Zum Mittagessen ging ich in die Taverne des Maitre Kanter und aβ Marmite de saint-Jacques aux petits legumes
d'hiver für 14,90 Euro. Übersetzt: Jakobsmuscheln auf kleinem Wintergemüse. Köstlich!
Um 17.30 Uhr ging ich noch einmal zur Kathedrale, um auf Wiedersehen zu sagen und mit 30 Clergeons, Chorkindern aus der
Kathedralenschule, die den Gottesdienst mit ihrem Gesang begleitend unterstützen, an einer Vesper teilzunehmen.
Damit war meine Pilgerreise zu Ende.
au revoir Le Puy,
Mittwoch, 14. Juni 2006
Pünktlich um 7.44 Uhr saβ ich im Zug nach Saint-Étienne. Die Fahrt verlief lange Zeit parallel zur
Loire. Nach zehn Minuten erkannte ich die alte Brücke bei Lavoûte-sur-Loire. Acht Minuten später war
ich in Vorey-sur-Arzon, um 8.12 Uhr in Retournac. 28 Minuten Zugfahrt hatten für mich zu Fuβ zwei Tage
gedauert. Nun war die Landschaft für mich neu, aber nicht weniger interessant. Das Umsteigen wurde zwar ein
bisschen knapp, aber es reichte. In Basel, auf dem SBB hielt der Zug nach Bonn schon auf dem gleichen Bahnsteig
gegenüber. Ein letztes Mal umsteigen und um 21.00 Uhr war ich wieder zu Hause.
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